Der Kongress – Newsletter Nr. 1

Liebe Freunde und Mitglieder des Netzwerks Archiv der Zukunft.

Ja, uns gibt es noch. Das Archiv der Zukunft ist nicht Vergangenheit. Aber es könnte dazu kommen. [1]

Einige der bisherigen Wege sind versandet. Aber wir gehen neue. Schritt für Schritt und treffen uns dazu am ersten Märzwochenende 2018 zum Kongress in der Leuphana Universität Lüneburg. Gleich dazu mehr.

Das Archiv der Zukunft entstand vor nunmehr 15 Jahren in einer Morgenröte. Der Pisa-Irritation folgte ein Aufbruch. Nach der starken Resonanz auf den Film „Treibhäuser der Zukunft“ war die Netzwerkgründung ein Akt der Zuversicht: Wir müssen nicht nach Finnland auswandern. Es gibt auch hierzulande Schulen, die gelingen – wenn auch nicht so viele. In dieser Morgenröte sah die Welt vielversprechend aus. Und tatsächlich kam eine Reformstimmung in der ganzen Gesellschaft auf. Zukunftsmusik wurde gespielt.

Sie ist verklungen. Ratlosigkeit hat sich ausgebreitet. Irgendwie-Durchkommen ist häufig die dominierende Stimmung. Wollen wir uns damit abfinden? Auch in den meisten Schulen ist Durchkommen das traurige Hauptfach. Und viele auch unserer Freunde werden sich nach dem dritten Bier einig: „Der Karren fährt sowieso gegen die Wand“. Wenn dieser Pessimismus in Fatalismus umschlägt, dann will man nicht mehr so genau hinschauen. Dann verliert auch Engagement seinen Sinn. Dann will man sich vor allem selbst schützen und denkt ans Wochenende und an Urlaub. So lockt die Welt des SUV. Weiter so im Panzer. Auf den Straßen und auch sonst. Weg, weg statt Wege zu schaffen.

Der weise, kürzlich verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman sprach deshalb von „Retrotopia“. Man blickt nicht mehr nach vorn, weil man nichts Gutes erwartet und starrt stattdessen in den Rückspiegel. Man will das rasende Auto nicht bremsen, weil das mit Einbußen verbunden wäre. Also Rollos runter, virtuelle Welten einschalten, nach Belieben Action oder auch nostalgische Filme und dann weiter mit dem Autopiloten.

Etwas übertrieben? Vielleicht etwas. Wir wollen die Gegenwartsdiagnose, die unbedingt nötig ist und auf dem Kongress im März ein Thema sein wird, fürs erste abkürzen und geben dazu noch dem Historiker Phillip Blom das Wort. Er schreibt in seinem Buch „Was auf dem Spiel steht“:Weil wir fürchten, dass Veränderung Verschlechterung bedeuten könnte, wollen wir eigentlich keine Zukunft, wir wollen nur, dass die Gegenwart nicht aufhört.“

Es wird also wieder Zeit für starke Bilder einer möglichen Zukunft. Verabschieden wir uns allerdings von Utopien, die ein fernes Nirgendwo entwerfen, und eben auch von Retrotopien mit dem rückwärts gewandten Blick. Ganz abgesehen von den im Grunde verzweifelten Dystopien, die ein schreckliches Ende ausmalen. Setzen wir Topoi, also Orte auf die Tagesordnung! Ganz einfach und doch schwer zu machen: Das klare Beschreiben, mutige Entwerfen und entschiedene Verwirklichen von guten Orten! Orten, die Zugehörigkeit und Basissicherheit bieten und so das Wagnis unterstützen, man selbst zu werden und Neues zu beginnen. Keine Idyllen, sondern eher „Polder“ im Sinne der holländischen Landgewinnung, die festen Boden unter den Füßen und Neuland schaffen. Versuche und Selbstversuche des Gelingens. Polder einer offenen Weltevolution.

Schulen und andere „Bildungshäuser“ könnten, ja, sie sollten solche Orte werden. Sie sollten nicht nur Unterrichtsanstalten sein, sondern Raum für Labore, Werkstätten, Ateliers schaffen. Schulen, die ihrerseits Selbstversuche werden, in denen Zukunft entsteht.

Die Schritte dorthin können gar nicht klein genug sein, wenn sie denn – Achtung, großes Wort: wahrhaftig sind. Anders gesagt, wenn man das, was man für falsch hält, nicht tut. Wenn aber die kleinen und auch allerkleinsten Schritte nicht mit dem Blick zum Horizont kombiniert werden, geht die Balance verloren. Wer auf seine Füße schaut, kommt aus dem Gleichgewicht.

Um nächste Schritte und zugleich um den ebenso wichtigen weiten Horizontblick soll es auf dem Kongress vom 2. bis zum 4. März in Lüneburg gehen.

Man könnte Nietzsche zitieren: „Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben.“

Wir bekommen für unseren Kongress in der Lüneburger Universität den neuen Libeskindbau, der an Schönheit, vor allem wegen des vielen und vielfach gebrochenen Lichts, dem Festspielhaus Bregenz nicht nachsteht. Ins Audimax passen 1145 Menschen. Und es gibt viele weitere Räume verschiedener Größe. [2]

Das Programm auch dieses Kongresses wächst nun wie ein Korallenriff, an dem schon einige mitbauen und bitte noch mehr dazu kommen sollen!

Aber erst mal sein Name, der auch Programm ist.

Funktionieren?
Funktioniert nicht!

Abschied vom Weiter-so
Wie Zukunft entsteht

2. bis 4. März 2018

Kongress des Archivs der Zukunft
in der Leuphana Uni Lüneburg

 

Nun noch erste Hinweise zum Kongress:

Das Netzwerk Archiv der Zukunft wurde von Filmen wie „Treibhäuser der Zukunft“ ausgelöst. Filme können ein gutes Medium sein, Möglichkeiten zu entdecken. Vor allem solche, an die man nicht oder nur zögerlich glaubt.

Deshalb sollen neue Filme auf dem Kongress ihre Premiere haben und – neben anderem – Ausgang für Debatten und Werkstätten sein.

Wir stellen diese und weitere Programmpunkte und Kongressideen in den nächsten Newslettern vor und bitten schon jetzt um weitere Ideen und Vorschläge.

Heute nur kurz zu den Filmen:

WIR BAUEN EINE NEUE STADT
Über die Spielstadt Mini-München

Drei Wochen lang spielen und lernen Kinder. Kaum zu glauben, wie frei und begeistert sie sind. Das offensichtliche Geheimnis: Sie sind tätig.
Veranstalter von Mini-München nehmen am Kongress teil.

VÖLLIG LOSGELÖST VON DER SCHULE
Über das entfesselte Lernen und Zusammenleben auf einer Schülerakademie in den Sommerferien

Ebenfalls fast drei Wochen dauerte eine Schülerakademie, die der Soziologe Hartmut Rosa („Resonanzpädagogik“) mit 100 Jugendlichen in den Sommerferien durchführte. Wie kommt es, dass die Jugendlichen nach solchen Akademien sagen, „das war die schönste Zeit bisher in meinem Leben“ und „wir haben mehr gelernt als bisher in der ganzen Oberstufe“? Und auch Hartmut Rosa, der im Sommer 2017 diese Akademie zum 20. Mal geleitet hat, sagt, das sei für ihn die schönste Zeit im Jahr.

Hartmut Rosa und Teilnehmer der Akademie nehmen am Kongress teil und überlegen, wie Samen dieser Erfahrung in den Alltag der Schulen auswildern können. Rosa hält außerdem einen Vortrag über Aussichten auf eine Postwachstumsgesellschaft.

Spider-Man, Hartz-IV-Möbel und die Flüchtlinge 
Ein Film über Van Bo Le-Mentzel. Ein Held in postheroischen Zeiten

Als Kind kam er aus Laos. Als Jugendlicher war er in Kreuzberg ein kiezbekannter Freestyler. Als Architekt erfand er die „Hartz-IV-Möbel“ zum Selberbauen. Und dann ein Minihaus für Flüchtlinge. Als Professor verteilte er sein Honorar an die Studenten. Nun baut er kleinste Häuser und gründete die Tiny-House-University.

Van Bo nimmt am Kongress teil und bietet den gemeinsamen Bau eines kleinen Hauses auf Rädern an.

Eine radikale Veränderung der Bildung
Beobachtungen über 10 Jahre in dem von Daniel Barenboim initiierten Musikkindergarten Berlin

Nicht musikalische Bildung, sondern „Bildung durch Musik“ war das Motto dieses Kindergartens von Anfang an. Man sieht, was Musik kann. Wie Musik bildet. Ja, man erkennt, was Bildung sein kann. Linda Reisch, die Gründerin und Geschäftsführerin, wird mit Teilnehmern daran arbeiten, wie die Erreger dieser ansteckenden Gesundheit auf andere Bildungsköper überspringen können.

Mathematik in den Bäumen
Über die Ideen und die Arbeit des Mathematikdidaktikers Martin Kramer (Uni Freiburg).

Mit seinen Studenten fährt Martin Kramer auf eine Hütte im Allgäu. Nun ist eine Woche lang alles Mathematik. Auf dem Hochseil in den Bäumen. Unter dem Sternenhimmel. Auf dem Blatt Papier und am Computer.

Martin Kramer wird einen Vortrag „Unterricht als Abenteuer“ halten und sein Projekt „Glückliches Referendariat“ vorstellen, eine Fortbildung nicht nur für pädagogische Berufsanfänger.

*

Die Filme weisen in eine Richtung, die für das künftige Archiv der Zukunft wegweisend werden könnte: Abschied von einem zu kurz gegriffenen Modelldenken, das wir zwar nie proklamiert haben, auf das es aber häufig doch hinaus lief. Vergröbert etwa so: Seht her, diese ganz tolle xyz Schule. So geht’s. Macht’s auch so. Dann wird alles gut. Aber Kopieren geht nicht! Gewiss, das ist eine Karikatur, aber genau das war häufig der Sog.

Stattdessen sollte es darum gehen, die einmaligen und unwiederholbaren Geschichten so genau wie möglich zu erzählen, dann deren Grammatik herauszuarbeiten und dabei die ansteckenden, zukunftschaffenden Kräfte zu entdecken.

Das soll für heute genug sein.

An die Mitglieder geht in den nächsten Tagen die Einladung zur Mitgliederversammlung am 18. November und die Beitragsrechung bzw. der Hinweis auf den Bankeinzug. Für alle Mitglieder und Freunde folgen weitere Newsletter zum Kongress vom 2. bis 4. März 2018 (Termin bitte vormerken!).

Für den Vorstand grüßt alle Mitglieder und Freunde (die übrigens Mitglieder werden sollten!)

Reinhard Kahl

[1] Warum das Netzwerk erneuert werden soll und warum es gefährdet ist und das Ganze auch schief gehen kann, nicht heute, um nicht die Laune zu verderben, sondern nächstes Mal.

[2] Der Kongress kooperiert mit der Konferenzwoche an der Uni und wird mit einem Vorkongress am 1. März eingeleitet.