Auf der anderen Seite der „Deppen-Brücke“

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(für Wolfgang Palm)

Es herrscht Einigkeit darüber, dass sich in unseren Schulen etwas ändern muss – weg vom lehrerzentrierten Unterricht, hin zu schüleraktivierenden Verfahren. Vielfältige Unterstützung wird uns Lehrpersonen zuteil: Immer ausgefeilter werden die Unterrichtsmodelle, die uns angeboten werden für einen effektiven schülerorientierten Unterricht, immer prächtiger gestaltet die Boxen mit dem dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien, immer fundierter die wissenschaftlichen Begründungen – aber eben auch immer unverständlicher wird die Tatsache, dass so wenig von den neuen Erkenntnissen und Möglichkeiten umgesetzt wird.

Auch hierzu gibt es inzwischen vielfältige Untersuchungen – die Problematik der Transfereffektivität wurde analysiert, das Rubikon-Phänomen besprochen, selbst die Eunuchen- Metapher wurde bemüht. Ziemlich ratlos stehen die für den Bildungsbereich Verantwortlichen vor diesem Phänomen. Die Konzepte sind da und auch der gute Wille der Beteiligten. Trotzdem ändern sich die Dinge nicht. Wenn man erst einmal darauf gekommen ist, ist die Erklärung für die fehlende Veränderung ziemlich simpel.

Die amerikanische Forscherin Stephanie Burns beschäftigt sich unter anderem mit förderlichen und hemmenden Bedingungen von Lernen und hat sich, weil eins ihrer Hobbys das Reiten ist, angeschaut, welche Menschen auf welche Weise am meisten Fortschritte auf diesem Gebiet machen. Sie stellte fest, dass viele Menschen beim Lernen mehr Mühe darauf verwenden, gut auszusehen als gut zu werden. Die entscheidende Erkenntnis ist, dass beides nicht zu vereinbaren ist. Auch dies eigentlich eine Trivialität! Man schaue sich Kinder an, die das Laufen lernen – es gibt keine elegante Art und Weise das zu tun. Ich erinnere mich, wie ich mit fast vierzig Jahren das Ski-Fahren erlernte. Zuerst verstand ich nicht, warum es so wichtig sein sollte, dies in einer kleinen Gruppe mit anderen Anfängern gemeinsam zu tun. Am Ende des ersten Tages war mir klar warum. Als Anfänger kommt man beim Erlernen der neuen Bewegungsabläufe in derart peinliche Situationen, die man mit seinem Selbstbild als halbwegs sportlicher Mensch überhaupt nicht vereinbaren kann, die man nur aushält, weil man umgeben ist von Menschen, denen es genauso geht (und die glücklicherweise zum Teil noch eine Spur peinlicher zu wirken scheinen als man selbst!)

An diesen Beispielen wird deutlich, dass Mut zur Peinlichkeit eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, etwas wirklich Neues zu lernen. Stephanie Burns benutzt die schöne Metapher der „silly bridge“ (was ich einmal mit „Deppen-Brücke“ übersetzen möchte), die man überqueren muss, wenn man zu wahrem Können kommen will. Pat Parelli, Monty Roberts und andere berühmte Pferde-Trainer haben ja ein ganz neues Konzept für den Umgang mit den Pferden entwickelt – weg von der Unterwerfung hin zu einer Art „Partnerschaft“ mit ihnen. Dazu war es notwendig, die alten Verhaltensweisen abzulegen und neue zu erlernen, die zunächst lächerlich, weil ungewohnt, erschienen, letztlich aber zu einer erstaunlichen Meisterschaft im Umgang mit den Pferden führen.

Auch im Bereich der Leichtathletik gibt es ein sehr prägnantes Beispiel: Dick Fosbury, der einen ganz neuen Hochsprungstil erfand und zu Beginn viel Hohn und Spott erntete, weil seine Art zu springen plump und unbeholfen aussah im Vergleich zu den eleganten Bewegungen der anderen Springer. Es folgten ihm aber letztlich alle über die „silly bridge“, weil er erfolgreich war: Heute springen alle im Stil des Deppen von einst.

Auch unter meinen Lehrern gab es jemanden, der schon in den 60er-Jahren in der spießigen norddeutschen Provinz den Mut hatte, über die „silly bridge“ zu gehen: Mein Biologie- Lehrer Wolfgang Palm, dem ich deshalb diesen Aufsatz hier widmen möchte. Er machte als einziger einen schüler-orientierten Unterricht, ermöglichte entdeckendes Lernen u.a. durch interessante Schülerversuche und brachte uns dazu, zu Hause selbstständig kleine Experimente durchzuführen. Im Gegensatz zu all seinen KollegInnen war er über den Unterricht hinaus engagiert. Man sah ihn nachmittags und in den Ferien in die Schule fahren, um seine Biologie-Räume in Ordnung zu halten, die vielen Pflanzen zu pflegen und Versuche vorzubereiten. Was ihn in unseren Augen aber endgültig erledigte, war die Tatsache, dass er seine Notengebung vor der Klasse begründete und sich bisweilen von unseren Argumenten überzeugen ließ. Wir waren an die rauen „Setzen! 6!“ – Kommandos gewohnt und konnten leider diesen Mann nicht ernst nehmen. „Mit dem können wir auch noch die Uhrzeit diskutieren“, war noch die mildeste Form des Spotts. Er ging aber weiter unbeirrt über die „silly bridge“ und hat zumindest bei mir eine Langzeit-Wirkung erzielt. Viele Jahre lang dachte ich allerdings, dass er mit ein bisschen mehr Geschick seine Neuerungen auf eine weniger angreifbare Weise hätte einführen können. Heute bin ich sicher, dass er die „silly bridge“ überqueren musste, wenn er nicht den Weg seiner Kolleg- Innen gehen wollte, die zynisch und bestenfalls gleichgültig wurden.

Auch wir müssen diese Brücke überqueren, schon allein weil diesseits die Situation auch nicht besser wird. Um noch einmal einen plastischen Vergleich zu bemühen: Wir sind in der Situation von Menschen, denen immer bessere Fahrräder angeboten werden, in der Hoffnung, dass sie die dann endlich auch benutzen. Wir sind auch fest davon überzeugt, dass wir sie benutzen sollten. Aber die Räder können noch so komfortabel sein, wir kommen um das Fahrenlernen nicht herum – also nicht darum, uns ab und zu kräftig zu blamieren und uns Schrammen zu holen. Einige von uns haben inzwischen gelernt, ihr Rad ganz anmutig zu schieben, so dass man kaum noch merkt, dass sie eigentlich damit fahren sollten. Die meisten belegen immer wieder Kurse über die Nützlichkeit des Fahrradfahrens, quälen sich aber anschließend weiter mit dem Fahrrad an der Hand herum und sind unbeweglicher als damals, als sie noch reine Fussgänger waren. Sich allein auf die „silly bridge“ zu begeben, muss man schon die Energie, das Engagement, die Blauäugigkeit (?) eines Wolfgang Palm besitzen, gemeinsam, in einer kleinen Gruppe wie im Anfänger-Ski-Kurs, müssten wir es eigentlich aushalten können.

Hermann Wübbels

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