Blinde Kuh

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Mittwoch morgens in der Gruppe des 4,-6. Jahrgangs. Die Kollegin hatte mich eingeladen, mit ihr und ihrer Gruppe regelmäßig Empathie- und Achtsamkeitsübungen anzuleiten. Sie versprach sich Unterstützung in den Gruppenprozessen. Obwohl sie zu jedem einzelnen gute Beziehungen aufgebaut hatte, war das Zusammensein in der Gruppe für alle noch wenig befriedigend.

Seit einem halben Jahr nehme ich an der Ausbildung trainingempathy teil. Ich hatte große Lust mein gelerntes und geübtes Repertoire hier auszuprobieren und hatte in den letzten zwei Wochen die Gruppe ein wenig kennengelernt. Der Spaß an der Bewegung und die Suche nach Herausforderungen, aber auch das Bedürfnis nach einem Miteinander machte den Anfang für mich leicht. Immer wieder baute ich kurze Phasen der Kontemplation ein, führte kleine Bodyscans, gab Raum für Gespräche über das Erlebte. Das war schwierig und stieß auf Widerstand . „Wieso soll ich das untersuchen?“ Ich ahnte, das war ihnen unangenehm. Auch blieb die Partnerwahl untereinander wenig flexibel. Also blieb ich mit diesen Herausforderungen sparsam und „belohnte“ sie am Ende mit einem gemeinsamen Spiel- Das war zu einem festen Ritual geworden.

An diesem Mittwoch wünschten sie sich das Spiel „Blinde Kuh“. Ich hatte das Buergel- Bild im Kopf – aber selbst hatte ich das noch nie gespielt. Ich bat die Kinder mir das einmal vorzuspielen. Wir bestimmten einen Spielleiter und los ging es!

Alle Kinder begannen mit großer Vorfreude das Spiel. Aber was für ein Desaster nach wenigen Minuten. Einige Jungen übernahmen die Führung, die meisten Mädchen wurden vom Spiel ausgegrenzt. „Die blinde Kuh“ war der Star und schlug aggressiv um sich oder wurde getreten. Eine größere Gruppe wollte schon nicht mehr mitspielen. Ich beendete das Spiel. Alle schienen frustriert. Chaos. In der Abschlussrunde machte sich der ganze Frust breit: So ist es immer bei uns!!! Ratlos und berührt gingen wir diesmal auseinander.

Diese Spielgruppe unterschied sich wesentlich von anderen Spielgruppen. Eine Schulklasse kommt nicht freiwillig zusammen. Hier sind Begegnungen möglich und Zusammenarbeit notwendig mit Gleichaltrigen, die sich vielleicht nicht gut leiden können oder mit Mädchen und Jungen oder, oder, oder.

Mich berührte die Energie der Kinder, ein Spiel gemeinsam zu spielen und die Verzweiflung darüber , dass ihnen das nicht gelang. Und doch war ich dankbar für dieses Erlebnis. Es machte mir Mut und gab meinen Übungen für die nächste Woche eine Richtung.

Nun forschte ich ein wenig zum Spiel. Ich war erstaunt, dass es eins der ältesten Spiele der Spezies Mensch zu sein schien. Eigentlich war es sogar ein eher Erwachsenenspiel und wegen seiner Anzüglichkeit sehr beliebt und oft auch verboten. Die blinde Kuh (ursprünglich verdeckte eine Kuhmaske, dann eher ein Tuch die Sicht) versucht einen Mitspieler oder eine Mitspielerin zu ergreifen. Diese scheidet dann aus oder muss durch Abtasten erraten werden.

Eine Woche später. Ich erzähle ihnen von meinen Gedanken nach dem Erlebnis der letzten Woche, auch davon, dass ich gelesen hatte, dass es Erwachsene verbotener Weise spielten. Das fanden die meisten interessant. „Ich habe heute Übungen ausgewählt, in denen ihr untersuchen könnt, wie es ist blind und sehend zu sein. Ich finde die Geschichte des Spiels so interessant, dass ich herausfinden will, was daran so reizvoll sein soll?“ Damit hatte ich sie und sie hatten mich.

Balanceübungen auf einem Bein und mit offenen, mit geschlossenen Augen. Jemanden mit geschlossenen Augen durch den Raum führen, was sieht der Sehende und der Blinde? Alle schließen die Augen und achten auf ihren Atem, Vertraue ich meiner Umgebung? Bin ich neugierig, was die anderen machen? Nach jeder Übung gab es den Austausch über das eben Erlebte. Dann eine lange Zeit in Stille – eine Gruppe mit offenen Augen, eine mit geschlossenen. Aufgabe: was hörst du? Sammle soviel Geräusche wie möglich ein. Was für erstaunte Gesichter, als die Blinden so deutlich mehr hörten als die Kinder mit offenen Augen. Jetzt hatte sich die Atmosphäre verändert. Sie waren ganz bei sich und miteinander. Das abschließende Spiel „Blinde Kuh“ – sie spielten mit leuchtenden Augen- als Gruppe. Wir alle merkten den Unterschied und waren berührt.

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