Sie müssen sich nur den Kopf zerbrechen, was Sie als Nächstes anschauen wollen. Wir kümmern uns um den Rest. Das waren die ersten zwei Sätze des Infotextes für das neueste Netflix-Update auf meinem Smartphone. Ich hatte schon lange nicht mehr ein so starkes Gefühl von Selbstwirksamslosigkeit. Netflix kümmert sich um den Rest. Einfach um alles. Ich darf zuschauen. Toll!

Endlich wird mal wieder der Müll runtergebracht und meine Hausarbeit fertiggestellt. Der Netflix-Alles-Könner befreit Sie von allem, was Sie nicht gemütlich von der Couch aus mit einem flimmernden (eigentlich Ultra-HD aufgelösten) Bildschirm schaffen. Vielleicht frage ich Siri danach noch, ob sie schnell die obligatorische Geburstags SMS an meine Oma schicken kann.

Doch am nächsten Tag muss ich leider an die frische Luft. Es scheint auch noch die Sonne. Mist. Eine Lehrerin versammelt ihre 20-köpfige Schülergruppe, die höchstens 11 Jahre alt sind und erinnert sie: “Ich kann mich auf euch verlassen ja? Ihr bleibt zusammen und rennt nicht irgendwo hin, nur weil ihr irgendetwas seht, ok?” Die Armen. Die mussten auch raus. Durften nicht in der Schule sitzen bleiben.

Ich gehe auf den überfüllten Marktplatz, um in der Menge unterzugehen. Die Schilder und Banner mit den bunt bemalten Aufschriften wie “THERE IS NO PLANET B !!!” versperren mir die Sicht. Auf der Bühne wird eine Rede gehalten. Danach noch eine. Ich klatsche, um nicht aufzufallen. Obwohl meine Hände immer kälter werden, fühlt es sich nicht schlimm an. Sogar irgendwie lebendig. Auch den anderen scheint es kalt zu sein. Doch ihre Euphorie dabei ist ziemlich übergriffig. Ich mache erstmal mit, aber möglichst leise.

Auf der Bühne wird sich gefreut, dass über 2000 Menschen da sind. Der Marktplatz antwortet mit tosendem Beifall, als plötzlich die spitze Ecke eines Holzschildes gegen meinen Unterschenkel stößt und ich laut aufschreie:”Aaahhh!” Es war ein ganz kleines Mädchen, das sich nur den Weg durch die Menge gesucht hat, indem sie mit ihrem Protestschild die Knie vor ihr (die fast auf ihrer Kopfhöhe waren) beiseite schob.

Mein Aufschrei mischte sich unter den Jubel und man klopfte mir auf die Schulter. Das fühlte sich gut an! Das kleine Mädchen war auch schon weg, da suchte ich mir einen Platz mit besserer Sicht. Auf einmal verschwand die Sonne hinter den Wolken und ich fing an im Sprechchor laut mitzuschreien: “Wir sind hier! Wir sind laut! Weil ihr uns die Zukunft klaut!” Die Rufe waren so laut, dass die Ohren brannten. Doch ich schrie immer lauter. Ich stelle mich vor ein Megafon, damit der Druck auf mein Trommelfell größer wurde. Dagegen musste ich ankämpfen und schrie noch kräftiger.

Noch bevor sich alle für den Protestzug in Bewegung setzten, fing es an zu regnen. Bunte Regenschirme streckten sich in die Höhe wie eine aufblühende Wiese. Ich war mittendrin, als es auf die Straße zuging. Ich war wirklich dabei! Die Lieder mitsingen, im Rhythmus klatschen und möglichst lauter sein als die neben mir. Ich hätte jetzt überall sein können. Vorne an der Spitze das Banner halten oder ganz hinten zur lauter Musik tanzen. Es war, als ob ich überall gleichzeitig war. Wir waren vereint. Der viele Regen ergoss sich eiskalt über meinen Kopf. Doch je mehr sich mein Körper wehrte, desto lauter wurden meine Rufe und die um mich herum. Ich ging schneller, es war fast ein Rennen, sodass ich ständig gegen Andere in der Menge stieß. Ich rempelte mich energisch nach vorne. Ja, das ist lebendig! Plötzlich stolperte ich, fiel hin und dann lag ich endlich nicht mehr auf der Couch! Dort fiel mir ein, dass ich mal gehört hatte, dass man für die Energie, die es braucht die Daten für eine Folge auf Netlfix zu streamen, auch 10 Stunden den Föhn laufen lassen kann. Da gehe ich lieber nächsten Freitag wieder auf die Straße.

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