Das sicherste Tiny House Deutschlands

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Bautag der Tiny-House Initiative Lüneburg

Individualität. Kreativität. Nachhaltigkeit. Die Tiny House Initiative Lüneburg verspricht viel auf 11qm. Große Ideen für das kleine Haus gibt es genug. Doch die Zulassung als offizielles Gebäude des Campus ist zur größten Hürde der Initiative geworden. Seit einem Jahr bemühen sie sich um die Umsetzung der Anforderungen. Nun sind die vermeintlich letzten Schrauben gedreht. Eine Tiny Häuslerin erzählt vom Pfuschen, Multicuttern, Wissensmonopolenund warum die Tiny House Bewegung gerade an einem Wendepunkt steht. 

Auf einer Leiter in zwei Meter Höhe an ein Tiny House gelehnt- Emsig dreht Pauline die letzten Schrauben aus der Fassade. An einigen Stellen muss mit dem Cuttermesser das Silikon durchtrennt werden. Die Holzlatten reicht sie nach unten. Dort werden sie in richtiger Reihenfolge drapiert. Es entsteht ein bizarres Bild: Die schwedenrot angestrichene Fassade des Tiny Houses liegt vor dem nun nackten Haus, wie ein Spiegelbild aus der Vergangenheit. So ungefähr sah das Haus aus, als es vor einem Jahr und zwei Monaten gebaut wurde, erklärt Pauline. Der Grund für die heutige Demontage lautet Statiksicherung. Ein Rispenband muss in die Balken der Vorder- und Hinterseite des Hauses eingelassen werden. Dann endlich sind alle Auflagen des Gebäudemanagements der Universität erfüllt. Lagesicherung, Stromprüfung, Transportsicherung, Feuerschutz waren die To- Do’s der studentischen Initiative im letzten Jahr. Ärgerlich, denn all das hätte beim Bau des Hauses mitgedacht werden können.

Learning by doing

Initiiert wurde der Bau eines Tiny Houses auf dem Campus der Leuphana Universität Lüneburg vom Archiv der Zukunft. Das ist ein Netzwerk, welches alternative Bildungskonzepte fördert. Auf dem Bildungskongress, der im März 2018 (auf dem Campusgelände) stattfand, sollte das Bauen des Tiny Houses den praktischen Aspekt des Lernens verdeutlichen. Abgesehen vom Ständerwerk, wurde das Haus innerhalb einer Woche zusammen mit Erstsemesterstudierenden in Workshops gebaut. Das ist selbst für ein so kleines Haus eine beachtliche kurze Zeitdauer. Pfusch ist vorprogrammiert. Hätten Profis gebaut, wäre sicherlich die ein oder andere Nachbesserungsaktion erspart geblieben. Doch genau darum geht es eben nicht beim Tiny House Projekt an der Leuphana. Auch bei den meisten Initiativenmitgliedern ist die Motivation größer als die Bauerfahrung. 

Was ein Multicutter ist, wusste Pauline vor dem letzten Tiny Bautag noch nicht. Und wie viele runde Ecken man damit fräsen kann. Kurz erklärt Maik ihr, wie es funktioniert ,,ranhalten, möglichst gerade nach oben ziehen‘‘, dann ist sie selbst dran. Maik ist der Versiertere im Bauen und hätte es sicherlich schneller hinbekommen. Aber in der Initiative geht es eben auch darum, Wissen und Können weiterzugeben. Schon nach wenigen Zügen werden Paulines Vertiefungen gerader. 

Gerade dieses Vertrauen und Voneinander lernen beim Bauen stärkt die Gemeinschaft. Deshalb soll es weiter großer Bestandteil der Initiativenarbeit bleiben. Außerdem macht das Werkeln auch einfach Spaß. Über die weitere Nutzung des Hauses am Campus hat sich die Initiative schon konkrete Gedanken gemacht.

Kuschelig nicht eng

Schaut man in das Tiny House sieht man die Ergebnisse mehrerer Workshops, die die Lüneburger Tiny Häusler sowohl intern, als auch extern gehalten hat. Auf bunten Zetteln an die Wand geklebt, ist von Kneipe, Katzencafé und Mini Fitnessstudio zu lesen. Die Aktionen richten sich zunächst an die Gruppe, mit der sich die Initiative am meisten identifizieren kann: Studierende. Denn das sind alle der 14 Initiativenmitglieder. Zusammengefunden haben sie sich vor einem Jahr, kurz nach dem Bau des Tiny Houses.

Pauline ist seit Stunde eins dabei. Sie hat damals im Rahmen eines Seminars zu ,Nachhaltigem Konsum auf dem Campus‘, angefangen Tiny House Interessierte zu vernetzen. Schon seit drei Jahren ist sie vom großen Leben im Tiny House begeistert. Angefangen hat alles mit YouTube Videos von Tiny Houses in Neuseeland, eigentlich wegen dem Land, nicht den Häusern. Doch die Individualität, der DIY Spirit und der Nachhaltigkeitsaspekt der Häuser hat sie schnell Fan werden lassen. Heute träumt sie vom eigenen Haus. Das Campusprojekt ist ein Vorgeschmack. 

Dort soll nicht nur Platz für die Initiative sein, die schon ihre Weihnachtfeier auf den kuscheligen 11qm gefeiert hat. Das Tiny House soll Raum für andere Initiativen sein, für Seminargruppentreffen oder auch mal als Ort für ein Nickerchen nach dem Mittagessen in der Mensa. Und natürlich auch Übernachtungsmöglichkeit für Leute, die Lust auf den Tiny Living Test haben. Das scheinen immer mehr zu werden.

Öko oder VW Manager

Dass Tiny Houses nicht nur bei Aussteigern Aufmerksamkeit finden, wird in den letzten Jahren immer deutlicher. In Hannover plant der Transition- Town Verein die größte Tiny House Siedlung Europas. Selbst ein VW Manager soll Interesse bekundet haben, berichtet die Hannoversche Allgemeine. Mitgeplant werden Sharing Konzepte, eine alternative Schule und Selbstversorgung. 

Auf Netflix kann man sich anschauen, wie in den USA luxuriöse Eigenheime auf weniger als 46 Quadratmeter entstehen. In Tiny House Nation helfen die Renovateure John Weisbarth und Zack Giffin Menschen, die tiny leben wollen. Meist begleitet von einer bewegenden Geschichte, Zeitdruck und dramatischer Musik werden Möbel smart miteinander kombiniert und bewegliche Raumtrenner installiert. Alles klein, alles schick. 

Was hat das mit Nachhaltigkeit und sozialem Wohnungsbau, zwei Grundgedanken von Tiny House Visionär Van Bo Le- Mentzel, zu tun? Die Tiny House Bewegung steht an einem Wendepunkt, erzählt Pauline. Sie sieht das Potential für Tiny Houses als alternative, individuelle Wohnungsmöglichkeit, die gemeinschaftliches Wohnen und Privatsphäre auf kleinem Raum zulässt. Auf der anderen Seite aber auch den Add-on Zweitwohnsitz fernab vom Alltag. Der Unterschied ist die bewusste Entscheidung sein Leben dauerhaft auf wenig Fläche zu gestalten. Wer weniger braucht, muss weniger arbeiten, kann mehr selber fertigen, Sachen tauschen und sich mit der Community austauschen. Damit kann das Tiny House, neben der reduzierten Flächenversiegelung und Stromverbrauch, auch die soziale und wirtschaftliche Ebene der Nachhaltigkeit verbinden. Genau das soll auch das Tiny House auf dem Campus verdeutlichen. ,,Gar nicht unbedingt, weil man sagt, komm ich zeig dir jetzt mal eine Doku über Fleischkonsum, sondern weil dadurch eine intrinsische Motivation gefördert wird, nachhaltig zu wohnen.‘‘

Am Ende des Bautages ist die Fassade wieder angeschraubt. Von den eingebauten Rispenbändern sieht man nichts, auch nicht von den elf Stunden Arbeit, die hinter Pauline und den anderen Initiativenmitgliedern liegen. Die Bilder werden nun an das Gebäudemanagement weitergeleitet und dann kommt hoffentlich die langersehnte Zulassung als offizielles Gebäude des Universitätscampus. ,,Das statisch sicherste Tiny House Deutschlands, ist unsers auf jeden Fall‘‘ lacht Pauline. Los geht’s mit einem Back n‘ Schnack und einem Sommerkino.

Tiny-House-Initiative Lüneburg: https://www.facebook.com/TinyHouseInitiativeLG/

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