Debatteneröffnung

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Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf die zuvor veröffentlichten Thesen von Reinhard Kahl zur Zukunft des Netzwerks Archiv der Zukunft. Sie wollen sich auch an der Debatte beteiligen? Schreiben Sie uns an redaktion@adz-netzwerk.de.

1. Aus den Thesen wird für mich sehr deutlich, dass es im Grunde um eine gesellschaftliche Diskussion geht, an der ganz viele beteiligt sein müssen, damit neue Ideen und neue Mehrheiten (eher gesellschaftliche als parlamentarische) entstehen. Aus der Kritik der Friday for Future-Demos lesen wir die Forderung ab, dass wir Erwachsenen endlich handeln müssen („wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, ihr nicht!“). 

Wie kommen wir aus der „dynamischen Stabilisierung“ (wenn ein Düsenflugzeug zu langsam wird, stürzt es ab, das Kerosin darf also niemals ausgehen) heraus? Das betrifft nicht nur die Bildung und speziell die Heranbildung der jungen Generation, sondern die ganze Gesellschaft, die sich darin (weiter-)bildet.

2. Mein Eindruck ist, dass die professionelle Kerngruppe des Bildungswesens, die Lehrerschaft, bisher zu wenig im Gespräch ist. Allzu oft sind Akteure und Autoren auf den Bühnen, die auf unterschiedliche Weise von der Basisarbeit abgekoppelt sind. Ihre Perspektive ist wichtig, aber sie sollte nicht die einzige sein.

Nicht wenige Lehrkräfte empfinden nach meinem Eindruck die Debatte über ihre Arbeit als bedrohlich und entwertend, so dass sie eher ihre Beharrungskräfte mobilisieren als ihre Neugier.

3. Best-practice-Beispiele zu sammeln, halte ich für wichtig und hilfreich. Wir sollten aber unbedingt darauf achten, dass dies nicht ohne Selbstkritik und Fremdkritik stattfindet. Eine gewisse Neigung bei den Versammlungen der Bildungserneuerer ist das Veranstalten von Familientreffen, bei denen die inneren Widersprüche unterm Teppich bleiben.

Beispiel: ein ausgesprochen differenzierter Vortrag des Bildungsforschers Prof. Köller (Kiel) über ein ganzes Bündel von Forschungsprojekten zum Thema Beziehungsarbeit in der Deutschen Schulakademie (Feb.19 in Berlin) mündete in die pauschale Feststellung, dass „die Annahmen der Reformpädagogik“ durch diese Studien betätigt würden. Welche Annahmen? Die von Rudolf Steiner, Maria Montessori, Hartmut von Hentig, Gerold Becker? Die Aussage hatte die Wirkung einer warmen Dusche, mehr nicht.

4. Vielleicht hilft für diesen Diskurs ein Nachdenken über eine neue Ökologie der Arbeit (z.B. interessant, was Sabine Donauer schreibt (Faktor Freude: Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt, Hamburg: Edition Körber-Stiftung 2015). Vielleicht ist die wirksamste Kapitalismus-Kritik, wenn wir uns darauf verständigen, dass wir alle weniger arbeiten und dafür das Leben genießen wollen, vielleicht mit etwas geringerem Konsum-Niveau (der Konsumismus bringt ja ohnehin schon länger kein Mehr an Lebensqualität). Solche Ideen kursieren offenbar ziemlich breit in der Generation Y.

5. Ich kann mir sehr gut vorstellen, so etwas wie eine „Salon-Bewegung“ auf die Bahn zubringen. Ich selbst habe in meinem schulischen Umfeld den „Kulinarischen Salon“ ins Leben gerufen: wir verbinden Slow Food mit dem qualifizierten Gespräch am Esstisch. Das hat mehrere Vorteile: wenn das Essen gut ist, hilft das schon mal der Stimmung, und es hebt das Niveau. Und man lässt sich lieber zu einem Essen einladen als zu einem Meeting. Eigentlich ist das eine alte bürgerliche  Tradition, die man nur wieder aktivieren muss. Die Gruppengröße reguliert sich von selbst auf maximal 10. Größer sind die meisten Esstische nicht.


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