Die bildungsferne Gesellschaft

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Oder aber: die Enttrivialisierung der Bildung

Es gab schon immer gebildete Menschen, die es gut mit der Bildung aller Menschen meinten. Wenn von Bildungskatastrophe die Rede ist, bei Georg Picht 1964 und Julian Nida-Rümelin 2015, dann zeigt sich ein großes Unbehagen darüber, dass etwas Wesentliches im gesellschaftlichen Leben fehlt. Auch wenn wir in den 70er Jahren auf Demonstrationen skandiert haben „Rüstung runter, Bildung rauf“, dann gab es keinen Zweifel, welches der beiden Güter wichtiger war. Und wenn ich jetzt noch zitieren dürfte (es fehlt leider der Platz) aus dem reichen Schatz von Aussagen über das, was Bildung ausmacht, von Comenius bis Dewey, dann könnten wir nach kurzer Zeit in beste hoffnungsvolle Stimmung kommen.
Und heute? Sollte es womöglich gar nicht stimmen mit der Behauptung, wir seien summa summarum in einer Fortschrittsbewegung? Es wird grausam schwadroniert über Bildung. In unzähligen Artikeln des Wirtschaftsteils der Zeitungen verlangen Ökonomen nach mehr „Bildung“, wenn sie sonst nicht mehr weiter wissen. Man muss sich nur einmal Dennis J. Snower, bis Februar Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, ausführlich anhören: „Im internationalen Wettbewerb gibt es immer Gewinner und Verlierer. Dass es ineffiziente Produzenten gibt, die dem Wettbewerbsdruck nicht standhalten, ist aber kein Grund für protektionistische Eingriffe. Statt solche Marktteilnehmer durch Zölle zu beschützen, sollten europäische Staaten die Arbeitnehmer in den verlierenden Sektoren großzügig durch Beschäftigungs-, Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen unterstützen. Statt Arbeitnehmer in ineffizienten Stellen zu halten, sollten sie unterstützt werden, Stellen in Sektoren zu finden, die vielversprechend sind. Die Debatte über Handel sollte sich daher nicht auf Vergeltung fokussieren, sondern auf Bildung und Ausbildung für die globalisierte Welt von morgen.“ Wer mit dieser Position liebäugelt, weil nicht alles an ihr falsch ist, dem sei gesagt: Von Bildung versteht der Mann nichts, aber auch gar nichts. In Wahrheit will er einstimmen auf eine seelenlose Welt. Und Bildung soll das geeignete Instrument sein. Mir scheint, dieses grandiose Missverständnis von Bildung steckt tief in den Poren dieser Gesellschaft bis in den sogenannten Bildungseinrichtungen.
Wo bekommt man sie her, diese Bildung? Kann man sie kaufen, dieses Ding gewordene Etwas? Kauft der Staat Bildung mit jedem bezahlten Lehrer und jeder bezahlten Lehrerin? Es soll viele Experten geben, die sagen, davon könne man nicht automatisch ausgehen. Wieviel Bildung müssten wir im Lande haben nach unzähligen Tagen und noch mehr Stunden Bildung, die wir Steuerzahler gekauft und den Kindern und Jugendlichen geschenkt haben? Und in unserer großzügigen Art schenken wir den jungen Leuten hier noch eine Stunde Mathe, da noch eine Stunde Förderunterricht. Mehr kann man nicht erwarten.
Lasst uns einen Blick zurück werfen. Die vielen schlauen Menschen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die großen schulischen Erfolg hatten, die sich dann professionell mit Goethe, Schiller, Kleist etc. beschäftigt haben oder die juristische Systeme mit großem Raffinement geschaffen haben oder die als Mediziner wirksam den Krankheiten des Körpers und des Geistes zu Leibe gerückt sind oder die Wunderwerke der Technik hervorgebracht haben oder die mit brausender Rhetorik die Massen begeisterten, waren das alles gebildete Menschen? Man könnte zu all den Bereichen Namen aufrufen.
Hannah Arendt war entsetzt über die vielen schlauen Menschen aus der sogenannten Intellektuellenszene, denen 1933 plötzlich viel Positives zu Hitler einfiel. Klaus Mann konnte es auch nicht fassen. Francesca Melandri hat gerade in ihrem Italien-Roman „Alle, außer mir“ Entsprechendes über die vielen schlauen Italiener und deren Weg zu den Faschisten beschrieben. Verdienen heute erfolgreiche Menschen, wie z.B. Winterkorn, die CumEx-Strategen, all diejenigen, die wussten, wie man Milliardär wird oder die nahezu wöchentlich in RTL-Manier Millionär werden wollen, verdienen diese das Attribut „gebildet“?

Es gibt auch Erfolg ohne Bildung. Und das ist unser Problem. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Bildung für einen bestimmten Erfolg schädlich ist.

Ich will jetzt gar nicht auf die großen einschlägig bekannten Namen der Geschichte eingehen, die mir vermutlich recht geben würden. Aber wer hätte schon von Adam Smith gedacht, dass er die Fixierung auf industrielle und fachliche Fähigkeit als „dumm und engstirnig“ ansah und dass wohlhabend zu sein, immer bedeuten müsse, wohlwollend zu sein. Von Nida-Rümelin hingegen musste man die Einsicht erwarten: „Ohne Bildung keine Demokratie.“

Was nun aber verfehlen die Strategen des ökonomischen Fortschritts und gesellschaftlichen Beharrens, wenn sie den Begriff „Bildung“ für sich in Stellung bringen?
Ich kenne überhaupt keinen gebildeten Menschen bei dem nicht folgende zwei Spannungsfelder positiv wirksam geworden sind.

1. Innen und außen: Verbindung des fühlenden und handelnden Menschen

Ich fange einmal klein an. Es war ein gutes Zeichen, dass die Medien aus dem Häuschen waren, als drei Fußballspieler etwas taten, was man nicht tut. Sie gaben etwas aus ihrem Innenleben preis: Thomas Hitzlesperger outete sich als Schwuler, Per Mertesacker bekannte sich zu einem Grad der Erschöpfung, dass ihm sogar das Ausscheiden bei einer Weltmeisterschaft als Erleichterung vorkam, und Nils Petersen gab zu Protokoll, dass die Art, wie man Profifußballer ist, zu einer furchtbaren Verdummung führen kann. Damit haben sie für sich eine außerordentliche Emanzipationsleistung vollbracht. Sie haben einen kleinen Schritt der Entbindung getan (man kann es auch Emanzipation nennen), sie haben Freiheit gewonnen. Sie haben kundgetan, dass sie mehrdimensionale Geschöpfe sind, dass sie im reibungslosen Funktionieren nicht aufgehen. Das mediale Interesse daran beweist: Es gibt offenbar eine Faszination für diese Wahrhaftigkeit. Dieses Sich-zeigen-Können ist ein konstitutives Moment des Bildungsgeschehens. Er setzt aber zunächst die Selbstbegegnung, die Selbstberührung voraus. Um sich gewissermaßen als „innerer Mensch“ (Robert Musil) zeigen zu können, muss dieser innere Mensch sich im Prozess der Bildung befinden.

Es gibt aber noch die andere Bewegungsrichtung: von außen nach innen. Der Bomberpilot Claude Eatherly, der am Steuer des B-29 Straight Flush die Atombombe über Hiroshima ausklinkte, hatte beim Blick nach unten nur die optische Sensation vor Augen, hatte aber nicht das Schmerz- Gebrüll der Opfer im Ohr und konnte auch nicht die verbrennenden Leiber riechen. Er bekam – zumindest in dem Moment – keine innere Vorstellung von dem, was geschah. Oskar Negt und Alexander Kluge behaupten, die Isolierung der Sinne voneinander mache erst die Monstren. Wenn dem so ist: Wird nicht eine ganze Gesellschaft monströs, die nicht weiß, was die Folgen der globalen Geldbewegungen mit ihren unglaublichen Kollateralschäden sind? Oder die nicht einmal sehen will, wie z.B. in Bangladesh und in Zentralafrika für unsere Konsumprodukte gearbeitet wird? Wenn also Produktion und Konsum nicht mehr zusammen gedacht werden? Wie lässt man die Welt an sich heran, dass sie eine innerliche Resonanz findet? Wie schaffe wir es, dass die Alltagsbewegungen und Rituale nicht den Innenraum verstummen lassen?

Der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton geht sogar so weit zu sagen, dass die Trennung von Sinnen und Sinn, von äußeren Bewegungen und inneren Vorstellungen (siehe Eatherly) der Grund des Bösen sei. Es soll aber immer wieder Menschen geben, die quasi über Nacht diese Trennung überwinden und scheinbar spontan ein schändliches Tun aufgeben. Das sind glückliche Bildungsakte. Was heißt das aber für Bildung in der Schule? Schule als Ort, an dem innere Resonanzen entstehen müssen, wenn man ernsthaft von Bildung sprechen will.

2. Vertrautes und Fremdes: Begegnung als bildende Herausforderung

Gespannt sein auf die Welt, neugierig sein: Das fordert sicher auch der Ökonom Snower. Wenn wir Neues und Fremdes für uns gewinnen, worin besteht dann der Gewinn? Wenn Snower mir beweisen könnte, dass er weiß, wie es sich anfühlt, aus einer Welt herauszufallen hinein in die Sorge, im Nichts zu landen, dann wollte ich ihm gerne moralischen Kredit geben. Aber er weiß es nicht. Wo sollte er es auch gelernt haben? Er wird sich damit beruhigen, dass es ja immer auch Verlierer gibt.

Ich verlasse einmal die bornierte Welt der Ökonomie und spreche hier von Bildung. Wie gebildet waren die Indianer, die behaupteten, dass man „einen Mond“ in den Mokassins eines anderen gehen muss, will man ein Urteil über ihn fällen. Der englische Historiker Theodore Zeldin hält die Begegnung mit den Anderen für entscheidend in seinem „Kompass der Lebenskunst“: Er gehe davon aus, „dass die Erfahrung eines jeden etwas Interessantes für mich zu bieten hat. Eine

verlorene Seele ist ein Seele, der die Gedanken anderer ein Geheimnis bleiben und der niemand zuhört.“ Außerdem: „Arm ist, wer nur seine eigenen Erinnerungen hat.“
Die höchste Bildungskunst ist, sich das Vertraute, das ja nicht selten trügerisch ist, unvertraut zu machen. Brechts Verfremdung gehört nicht nur in seine Dramentheorie, sondern in unseren Alltag. Ilia Trojanow hat es so radikal ausgedrückt, dass es vielleicht manchen erschreckt: „Erst wenn die ganze Welt dir fremd ist, bist du ein freier Mensch.“ Man muss es akzeptieren, wenn im Fremdwerden die Voraussetzung des Verstehens liegt.

Wie so oft könnte die Schule eine Schlüsselrolle übernehmen. Sie ist der Ort der Begegnung, einer Begegnung, die über gemeinsames Lernen verbindend werden kann. Man lernt sich kennen. Und dieses Lernen ist das wichtigste überhaupt. Auf Schulen, den Orten existentieller Begegnungen, kommt es entscheidend an. Hier darf man etwas gewinnen (das Fremde) und auch etwas verlieren (das Vertraute), ohne in existentielle Not zu geraten.
Wie müssen sie aber sein, damit die Begegnungen gewinnbringend sein können?

Nun aber mal konkret: Welche Schule soll dem gerecht werden?

Ich habe das Glück, ganz nah an der Stadtteilschule „Ehestorfer Weg“ in Harburg zu sein, von der viele denken mögen, in ihr sei Bildung nicht möglich. Das Gegenteil ist richtig. Bildung ist die Chance dieser Schule. Und diese Schule stellt sich dem Bildungsanspruch radikal, weil sie weiß, dass alles andere nur leidvolles Aushalten wäre. Und die Pointe: Diese Schule hat gute Bildungsvoraussetzungen, vielleicht nicht im Sinne des Ökonomen Snower, aber im Sinne der Philosophen Immanuel Kant oder John Dewey. Diese Schule nutzt die Spielräume, die die Hamburger Schulpolitik gewährt, nicht in erster Linie für die normativen Leistungsvorgaben, sondern für Bildung. Ohne Bildung sind nämlich die Leistungsvorgaben überhaupt nicht zu erfüllen. Ohne Bildung wird die schulische Arbeit zu einem reinen Simulationsgeschehen. Die Wirklichkeit wird ohne sie nicht verändert, sondern rituell ausgeblendet. Die Schule schafft einen Ordnungsrahmen, in dem Freiräume entstehen. Sie schafft Freiräume, in denen Begegnungen stattfinden können, mit anderen, zum Teil wirklich Fremden, und mit sich selbst. Die Kinder werden gefragt und fühlen sich deswegen gesehen. Das ist die Voraussetzung, um sich selbst und auch andere wirklich wahrzunehmen. Was gibt es an dieser Schule nicht alles zu erzählen und was kann man alles erzählt bekommen?

Die pädagogische Erneuerung der Schule ist noch in den Anfängen. Nichts geht von selbst. Aber es wird nichts auf die lange Bank geschoben. Die Schulleitung und das Kollegium sind selbst in einem wunderbaren Bildungsprozess. Man darf gespannt sein, wie dieser Ort sich weiter entwickelt als Ort der Bildung. (Ich hoffe, es wird eine Freude sein, das noch einmal genauer zu beschreiben.)

Mut zur Utopie

Was diese Harburger Schule „Ehestorfer Weg“ ausmacht, ist die Herausforderung durch Wirklichkeit und die Herausforderung der Wirklichkeit. Es wäre aber schön geredet, wollte man ihre Wirklichkeit als komplett ansehen. Sie ist es so wenig, wie die an Gymnasien, in denen die Kinder in ihrer Alltagswirklichkeit nur eine schwache Ahnung davon bekommen, in welcher Gesellschaft sie leben und was man wissen muss, um in dieser Gesellschaft engagiert mitzuwirken. Ich werde wohl nicht hoffen können, dass sich Letzteres ändert. Aber ich hoffe, dass viele bildungsbürgerliche Eltern entdecken, dass die Wirklichkeit der Harburger Schule noch reicher wird, wenn ihre Kinder im Spiel sind, und entdecken, dass Bildung und Ausblendung sich nicht vertragen. Vor allem, wenn man sieht, wie diese Schule Bildung in eine bildungsferne Gesellschaft bringen will.
Und die Hoffnung zu haben, dass eine Schulpolitik begreift, dass Kinder zusammen- und nicht getrennt gehören im Bildungsprozess, ist wohl nur einem notorisch optimistischen Menschen wie mir möglich, der den Glauben nicht aufgibt, dass Bildung für eine Gesellschaft bestimmend werden könnte.

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