Durch meine Kopfhörer lasse ich mich noch beschallen, als ich die U-Bahn-Station Feldstraße in Hamburg verlasse und mich in Richtung des Medienbunkers bewege, zum Symposium SOUNDFORM. Ich höre Klassik – harmonisch und angenehm ausbalanciert, die so gegen die Kakophonie aus telefonierenden Menschen und hupenden Autos ankämpft. Ich weiß nicht genau, was auf mich zukommt, nur dass es auch jetzt um Musik gehen wird. Ich möchte mich überraschen lassen und steige gespannt die Treppenstufen nach oben in den “Resonanzraum”.

Der Kontrast hätte stärker nicht sein können – das sanfte Klavier noch im Hinterkopf werde ich begrüßt von einem Klang, der zweifeln lässt, ob hier Musik gemacht oder nur Geräusche produziert werden: es fiept, knarzt, jault und wimmert aus allen Ecken des verwinkelten Raumes. Das muss ich mir unbedingt ansehen und stelle fest, dass diese Instrumente in keiner Musikschule zu finden wären. Alles ist digitalisiert und professionell verstärkt, per Computer steuer- und regulierbar. Ein Instrument – 1000 Klänge. Ich frage mich durch, lasse mir alles erklären und begreife endlich, dass es um mehr geht, als bloße Digitalisierung von Musik(Instrumenten). Die Flötistin der “MagicFlute” sitzt im Rollstuhl und hat keine Kontrolle über ihre Arme, dennoch spielt sie mit Emphase und Begeisterung auf diesem Instrument. Denn für die “MagicFlute” braucht man keine Finger, Hände, Arme – der Kopf bestimmt über seine Neigung die Tiefe des Tons und macht es so möglich, definierte Melodien hervorzubringen. Menschen mit leichteren und schwereren Beeinträchtigungen können so selbst musizieren. Und wie sie musizieren! Von EyeHarp bis Klangkubus, für jeden ist etwas dabei. Jeder kann hier eine Möglichkeit finden, Musik zu machen, unabhängig von der Anzahl der Finger… Auch ich werde aufgefordert, mitzumachen und mein Musikverständnis wird gehörig infrage gestellt. Viele Instrumente sind so konstruiert, dass sie nicht konventionell erlernt werden müssen, nicht wirklich lernbar sein sollen, um Klangwelten so kreativ und frei wie möglich kreieren zu können. Ganz uneingeschränkt wird gejammt und musiziert mit einer Offenheit, die nicht überall selbstverständlich ist.

Natürlich gibt es auch hier Meinungsverschiedenheiten – wie schwer und klobig darf ein Instrument werden, wie teuer wird es sein, inwieweit ist es sinnvoll einsetzbar? Die Bühne wird zum (auch mal emotionalen) Austausch genutzt, aber alle teilen dasselbe Ziel – Musik neu denken und spüren. Musik ist ein so elementarer Bestandteil unseres Lebens, sie macht emotional, beruhigt oder beflügelt, lässt Erinnerungen wach werden. Ein jeder reagiert auf Musik, doch die Möglichkeit, Musik selbst zu machen ist nicht allen Menschen vergönnt. Genau das ist der Antrieb der Teilnehmer dieses Symposiums. Musik für alle, egal welches Alter, welche Einschränkungen, wie viel Zeit!
Die Idee, Musik mit einem niedrigschwelligen Spielanspruch zu gestalten, geht Hand in Hand mit dem Anspruch, diese Instrumente auch in Therapien oder in der Rehabilitation nutzbar machen zu können. Es sollen keine digitalen Kopien von etablierten Instrumenten geschaffen werden, sondern die Möglichkeiten der Kunst mit der Sinnhaftigkeit in einer Therapie verbunden werden. Wie gut dies gelingt, wird besprochen – kritiklos bleiben die wenigsten. Die Handhabung einiger Geräte, die tatsächliche Einsatzfähigkeit in der Therapie und die Langlebigkeit der Neuerung, der Digitalisierung einiger Instrumente werden infrage gestellt. Doch nur so lassen sich technologischer Fortschritt und Digitalisierung erfolgreich auf dieses Gebiet anwenden.


Ich verlasse das Symposium “Sound Form” heiter, der Optimismus dieser integrativen Veranstaltung war ansteckend.  

Die genannten Instrumente kann man auch online finden: http://mybreathmymusic.com/de/magic-flute
http://theeyeharp.org
https://www.ohmi.org.uk
Diese “Bewerbung” der Instrumente erfolgt aus Überzeugung für die Sache!

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