Einführung

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Liebe Freundinnen und Freunde des Archiv der Zukunft!
 
Ich werde Ihnen heute ein konkretes Anliegen vortragen mit dem Ziel, das Archiv der Zukunft in seiner Doppelfunktion als Netzwerk und als Archiv zu erneuern. Ich stelle mich kurz vor: Antonius Soest. Meine Lern- und Lehrerfahrungen könnten umfassender nicht sein. Von der zweiklassigen Dorfschule im Sauerland über eine Klosterschule der Benediktiner, ein kleinstädtisches Aufbaugymnasium, eine Hauptschule in Frankfurt, Gymnasien in Hamburg bis zu Gesamtschulen in Schleswig-Holstein, zuletzt als Schulleiter an der Gebrüder-Humboldt-Schule, einer Gemeinschaftsschule in Wedel. Außerdem bin ich seit dem 3.3.2019 im Vorstand des Archiv der Zukunft.
 
Sie sehen, was Lehren und Lernen angeht, sollte mir nichts fremd sein. Und wahrlich, ich kenne das Glück und das Elend schulischer Arbeit. Es gibt nicht so viele Tage, an denen sich mir nicht die Frage danach gestellt habe, was es denn eigentlich mit Bildung auf sich hat, um immer wieder erschrocken darüber zu sein, wie wir Bildung verfehlen. Wie wir in der Sorge, Leistungsansprüchen nicht zu genügen und im Konkurrenzkampf der Schulen Imageverluste zu erleiden, nach dem positiven Schein Aussicht halten und nicht nach dem Glück, das in der Bildung liegt.
 
Es werden sich sicher noch viele Gelegenheiten ergeben, dieses Glück konkret auszuloten. Für unser Anliegen an dieser Stelle nur so viel: Von Bildung werden wir nur sprechen können, wenn eine wie auch immer proportionierte Mischung von Entbindung (Emanzipation) und Neubindung (Engagement), Sachlichkeit und Menschlichkeit, Innerlichkeit und Handlungsfähigkeit zustande kommt.
 
Und, jetzt nähere ich mich allmählich unserem Anliegen, was generell gilt, gilt für jede Lehrerin in der Schule, jeden Erzieher in einer Kita, jede Dozentin an der Uni und jeden Sozialarbeiter in einer Wohngruppe. Und nicht nur das: Es gilt auch für jede Kita, für jede Schule, für die Uni etc. als Lernorte insgesamt. Können wir aber genau sagen, was eine sich bildende Schule ausmacht?
 
Was unternehmen wir alles, um uns von schlechten ministeriellen Vorgaben zu emanzipieren oder von unseren schlechten Gewohnheiten in der alltäglichen Praxis? Ist es mehr als das berühmte „Man müsste“ oder die alltägliche Klage, die nur auf Erlösung hofft? Ist es mehr als das Warten auf bessere Zeiten?
 
Sehr wohl. Es ist mehr. Viele Bildungseinrichtungen haben vieles anders gemacht als gewohnt, als von irgendeiner höheren Instanz vorgeschrieben. Sie haben Wege gesucht aus den Vergeblichkeiten des Alltags und angefangen, Schule anders zu denken, anders zu machen und selbst anders zu werden, als sie waren. (Das ist eine Anleihe bei Foucault.) Und dabei gibt es nicht die eine Wahrheit, die Wahrheit einer Zentrale. Es gibt nur die Wahrheit, die aus der Verantwortung der Akteure vor Ort erwächst.
 
Von diesen kleinen und großen Wahrheiten vor Ort wissen wir zu wenig. Wir müssen von den anderen Orten nicht deswegen wissen, weil wir ihre Wahrheiten übernehmen wollen, sondern weil sie inspirieren, eigene Wahrheiten zu finden. Es geht nicht nur um die vielzitierten Leuchttürme, um die pädagogischen Feuerwerke, sondern auch um die Feuer des Alltags, die sichtbar werden sollten. Nur in der Sichtbarkeit bekommen sie die Nährstoffe, um nicht wieder schnell herunterzubrennen. 
 
Wir müssen voneinander lernen und wir müssen lernen, uns zu zeigen. Tu Gutes und sprich darüber. Das Ziel ist, eine Landkarte zu haben, auf der diese kleinen Feuer sichtbar gemacht werden, sodass jeder und jede die Möglichkeit hat, von den Erfahrungen des Gelingens und auch Misslingens anderer zu profitieren. Erfahrung ist die entscheidende Dimension und Experimentiergeist, nicht theoretische Besserwisserei. 
 
Schulen sind wie „der angekettete Elefant“ in einer Geschichte von Jorge Bucay. Ein kleiner Junge fragt seinen Vater, warum ein Elefant im Zirkus akzeptiert, an einen kleinen Pflock, ein winziges Stück Holz, gekettet zu sein. Warum flieht er nicht? Der kleine Junge fragt und fragt und bekommt schließlich heraus: Als der Elefant noch klein war, hat er sich immer wieder vergeblich bemüht, von einem größeren Pflock loszukommen, bis er sein Schicksal akzeptiert hat. Nun reicht eine fast symbolische Anbindung. Der Elefant glaubt nicht, sich befreien zu können. Er hat schließlich darauf verzichtet, seine Kraft auf die Probe zu stellen. 
 
Schulen stehen so in der Welt, als wären sie an Hunderte von Pflöcken gekettet. Der wirksamste Pflock ist die vermeintliche Gewissheit wie beim Elefanten: „Ich kann das nicht und werde es niemals können.“ Es ist überflüssig zu sagen, dass die Kraft, sich aus schlechten Gewohnheiten zu befreien, in jeder Bildungseinrichtung liegt. Sie reicht allemal aus. 
 
Aber wo sind die Beispiele der Vitalität? Was wird schon getan…
 
…um die Grenzen zwischen Schulwelt und Außenwelt aufzubrechen, indem man Experten von draußen in die Schule holt, z.B. Handwerker für Reparaturwerkstätten, oder außerhalb der Schule Räume bearbeitet und gestaltet
…um viele Sinne im lernenden Umgang mit der Welt ins Spiel zu bringen
um Kunst, Theater, Musik als besondere Formen der Selbst- und Fremdwahrnehmung zu nutzen
…um überhaupt in Migrationszeiten im biografischen Erzählen sich wechselseitig wahrzunehmen
…um Demokratie einzuüben, allein dadurch, dass jeder und jede gesehen wird und sieht, sie sich also als zusammengehörig entdecken
…um Möglichkeiten zu schaffen, dass Kinder den eigenen Ruhepunkt finden
…um, von Feldenkrais lernend, „Bewusstheit durch Bewegung“ zu gewinnen
und vieles mehr.
 
Wenn man einen Blick von oben auf unser Land werfen könnte und die Erfahrungskleinode von Konstanz bis Flensburg einsammeln würde, was wäre das für ein Schatz. Florian Schmidt, auch im Vorstand des AdZ, wird auf der Homepage dafür sorgen, dass jede und jeder zu diesem Schatz beitragen und ihn schließlich auch bergen kann. Man kann sich begegnen, eigeninitiativ oder organisiert durch das AdZ. Sie meinen, dass man sich damit übernimmt? Ich erinnere an den angeketteten Elefanten. Wir werden versuchen, uns eine Leichtfüßigkeit zu bewahren.
 
Wir werden Ihre Mitteilungen und Anfragen aufnehmen und schauen, wie wir sie zu einem Netzwerk zusammenfügen können. Herzlich Willkommen sind auch Beiträge von Schülerinnen, Schülern und Studierenden. Es geht also darum, ein lebendiges Netzwerk entstehen zu lassen und ein Archiv, in dem – so könnte man paradoxerweise sagen – ein Stück Utopie zu Hause ist. Hannah Arendt bezog sich auf große Veränderungen in der Vergangenheit, als sie schrieb: „Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche.“ Wie aktuell ist das!
 
In Vorfreude auf Ihr Mitmachen grüßt Sie herzlich
 
 
Antonius Soest


PS: Die Adresse, an die Sie Ihren Beitrag/Ihre Mitteilung schicken können: 
redaktion@adz-netzwerk.de
       

Falls Sie direkt mit mir Kontakt aufnehmen wollen, schreiben Sie an die Adresse:  
antoniussoest@web.de

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