“Fridays for Future”- Protest in Hamburg

Ihre Negation ist kraftvoll: „Wir wollen nicht so weitermachen wie bisher! Wir wollen nicht so werden wie unsere Eltern!“ Tausende Schüler, Studentinnen und Eltern versammeln sich auf dem Platz zwischen dem Hauptbahnhof und dem Schauspielhaus, an dessen Fassade das Stück „Stadt der Blinden“ beworben wird.

Barfuß klettert ein junger Mann auf einen Baum. Es windet stark. „Wer wird ihn auffangen, falls er fällt?”, frage ich. „Niemand“, antwortet ein Unbekannter.

Eine junge Kehle schreit in den verregneten Nachmittag: „Hopp, hopp, hopp! Kohlestopp!“. Er zeigt auf die Kirchenallee. „Aus diesen Parkstreifen sollten Fahrradwege werden. Und dann müsste das alles eine Dreißigerzone werden. Denn wer will schon auf der Straße Fahrrad fahren, wenn neben einem ein SUV vorbei heizt?“ Einige Eltern, die sich vorher betont wohlwollend gaben, blicken verlegen zu Boden. 

Dann setzt sich die Menschenmasse in Bewegung. Noch auf der Kirchenallee wird ein Banner ausgerollt. Wir werden gebeten, es mitzuhalten und merken: die Straße ist für unser Banner zu schmal. 

Neben der Kunsthalle neigt sich die Straße, sodass ich einen Eindruck von der Größe der Bewegung bekomme. Über der Straße schwebt ein Regenbogen aus Funktionsjacken. Unser Banner wird zu einem kräftigen Segel. Der Wind bläst es auf und drückt es an unseren Körper.

Ich beobachte die Menschen, die im Windschutz unseres Banners protestieren. Sie drücken Wut aus, ohne aggressiv zu werden. In der Gemeinschaft verbreitet sich Heiterkeit, aber keine Euphorie. Die Jüngeren unter ihnen, die Schülerinnen und Schüler entdecken gerade die Straße neu. Sie betreten unbekanntes Gelände und gewinnen neuen Boden unter den Füßen. Ich ahne, dass das Ereignishafte dieses Tages als Prägung bleiben wird.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!“

Auch die Worte auf unserem Banner präsentieren sich in Klarheit. Mehrfach werden wir für die Gestaltung, den schlichten Font und die mühevollen Symbole gelobt.

Der Protestzug streift das Hotel Vierjahreszeiten. Ein kleines Mädchen sitzt auf den Schultern ihres Vaters. In ihrer Hand hält sie einen Zweig mit Knospen. Für einen Moment richtet sie ihn kämpferisch in die Richtung des Hotels. Dann wendet sie sich ab. Hat sie soeben einen Antagonisten gefunden? Einen Schuldner? Wird sie ihn wieder in den Blick nehmen? Ihren Anspruch einfordern? Oder wird sich ihre Intuition zerstreuen?

Auf einem anderen Banner steht der Planet in Flammen. Ein Mann in Feuerwehruniform geht daran vorbei und sorgt dafür, dass die Protestanten in ihrer Spur bleiben.

Die Spur führt uns zum Gänsemarkt. Wir, die das Banner halten, beginnen miteinander zu sprechen. Auch darüber, woher wir kommen und wohin wir wollen. Die erste Frage ist leicht beantwortet: aus Harburg. Die zweite Frage hingegen tückisch: auf jeden Fall nicht ins Büro. Steuerprüferin will die Oberstufen-Schülerin neben mir nicht werden. Eher Schauspielerin oder Architektin, denn das schlägt ihr jeder Berufsorientierungstest vor. Ein Wenig entgleitet das Banner unserem Griff und zuckt vor sich hin.

Auf dem Marktplatz wird die Öffentlichkeit für einige zum Spielfeld. Anstatt wie üblich mit gebückter Haltung und gesenktem Blick an den Schaufenstern vorbeizugehen und dabei möglichst unauffällig zu bleiben, beginnen die Kinder und Jugendlichen zu singen und zu tanzen. Sie sprechen miteinander über den Kohle-Ausstieg, die Vorteile des Fahrradfahrens und werfen mit Politikernamen nur so um sich. Christian Lindner, der den Klimaschutz doch lieber den Profis überlassen wollte, kommt dabei nicht gut weg. Die Kinder und Jugendlichen finden Gefallen daran, gesehen und gehört zu werden.

Einige erwachsene Redner erklimmen den LKW und sprechen von der Verantwortung der Wissenschaft für den Menschen und die Natur. Unser Banner faltet sich nun und verschlingt seine eigenen Worte. 

Als ich mich auf den Heimweg machen will, sehe ich einen Jungen, der auf den Schoß der Lessing-Statue klettert. Ich erinnere mich an die berühmte Rede von Hannah Arendt anlässlich des Lessing-Preises: „Die Welt liegt zwischen den Menschen.“ Eine solche Welt wäre zu bilden.

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Florian Schmidt
Studiert in Lüneburg im Studium Individuale mit dem Schwerpunkt Kulturwissenschaften, Bildungswissenschaften und Philosophie. Organisierte gemeinsam mit Erstsemesterstudierenden in Lüneburg den Kongress "Funktionieren? Funktioniert nicht!" und veranstaltete gemeinsam mit Reinhard Kahl einen Workshop auf der Utopie-Konferenz.

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