Es lag wohl an meinem Vorurteil, dass ich mehreren Einladungen zu Konzerten nach Bremen in die Gesamtschule Ost nicht gefolgt war. Das Vorurteil hatte sich aus Flöten- und Geigentönen gebildet, die manchmal mit umso mehr Beifall zugedeckt wurden, je falscher sie waren. Aber dann folgte ich im Februar doch der Doppeleinladung der Bremer Schule und ihrem Mitbewohner, der Deutschen Kammerphilharmonie, zu einer Aufführung der „Melodie des Lebens“ und war selten so begeistert und berührt und vor allem am nächsten Tag noch so heiter davon.

Seitdem war ich mehrmals im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever, eine Hochhaussiedlung aus de 70iger Jahren. Einige Silos wurden inzwischen abgerissen, andere saniert. Aber es ist immer noch eine der ärmsten Gegenden. Über 40 Prozent der Bewohner leben von Hartz IV.

Nun schreibe unter dem Eindruck der Stadteiloper, an der dort 300 Schüler, viele Lehrer, die Musiker der Kammerphilharmonie und eigens für die Oper engagierte auswärtige Profisänger mitgewirkt haben. Profis und Laien zusammen auf den Bühnen. Ein Zirkuszelt mit sechs Masten. 1000 Sitzplätze für das Publikum. Und um das große Zelt herum eine kleine Zeltstadt für Garderoben, Technik, Solisten und Musiker. Imposant.

Ohne Absicht

Ich glaube dort einem Geheimnis von etwas ganz Wertvollem auf der Spur zu sein. Einer Geschichte. Etwas, das dazwischen gekommen ist.  Ohne Plan und erst recht ohne pädagogische Absicht. Die von Frankfurt nach Bremen emigrierte Deutsche Kammerphilharmonie suchte Räume zum Üben und für Schallplattenaufnahmen. Zur gleichen Zeit wurde die Gesamtschule Ost wegen Asbest und der Müdigkeit des Betons saniert. Sie war auch dabei sich von ihrer pädagogischen Ermüdung zu erholen. Und weil die Räume mit Schülern nicht mehr ausgelastet waren, sollte untermietet werden.

Albert Schmitt, der Geschäftsführer des Orchesters, erinnert sich, dass er kurz vor dem Aussteigen aus dem Auto umkehren wollte. Hier? Nein, das kann nicht wahr sein. Aber ein Musiker, der als Vertreter des Orchesters mitfuhr, meinte, nun lass uns doch wenigstens mal reingehen. Hier ist eine Bemerkung zur Geschichte des Orchesters nötig. Es wurde Anfang der 80iger Jahre aus dem Bundesjugendorchester gegründet. Die Musiker hatten sich geschworen niemals unter einem Karajan zu spielen. Sie wollten schon gar keine müden Instrumentalbeamten werden. Sie wollten sich je nach der Art der Musik ihre Dirigenten suchen. Das Orchester wird nur zu einem Viertel subventioniert. Die Musiker sind Teilhaber. Man kann auch sagen: Unternehmer. Die Balance von Sicherheit und Unsicherheit, von Wagnis und – auch unerwartetem – Gelingen ist ihr Wasserzeichen von Anfang an. Und das haben sie in die Schule getragen.

Liebe

Es war Liebe auf den zweiten Blick. Die Schule hatte als das Orchester Räume suchte bereits künstlerische Profile gebildet. Franz Jentschke,  der Schulleiter ist einer der Sicherheit schafft, um Unsicherheit wagen zu können. Das passte. Und  als Messungen von Akustikern ergaben, dass sich aus der Aula ließ ein guter Konzertsaal machen ließ, in dem auch CD-Einspielungen möglich sind, kam es zum Schwur. Das war vor sieben Jahren. Inzwischen haben mehrere dort aufgenommene CDs den begehrten Echo-Klassik-Preis bekommen.  Das Orchester wird in New York ebensso gefeiert wie in Korea und in Japan zählt man es zu den zehn besten der Welt.

Zurück in die Hochhaussiedlung. Die Musiker haben die Schule und das Quartier verändert. Und auch die Musiker haben sich der Welt  ausgesetzt. Keiner der Schüler kam bereits mit einem Instrument in diese Schule. Inzwischen spielen viele von ihnen hervorragend. Zweimal im Jahr bei der „Melodie des Lebens“ treten sie zusammen mit den Profis auf. Da präsentieren Schüler etwa einen Bläsersatz von Buxtehude, dass die Streicher begeistert mit den Bögen klopfen. Da singen Kinder selbst Komponiertes  ohne jedes Getue. Und das Orchester spielt so wie beim Gastspiel im Lincoln Center in NYC.

Götterfunken

Es ist nicht zu fassen. Es ist die Freude und gewiss auch die Anstrengung der Musiker wie auch der Kinder und Jugendlichen. Es ist aber vor allem, dass sie einfach da sind und die Musik lieben. Es reicht zu sein. Und dass es schön sein soll. Vielleicht ist diese Absichtslosigkeit das Geheimnis. Sie erinnert an die Weisheit von Goethe und von Wilhelm Busch: „Man ahnt die Absicht und ist verstimmt.“ Ist vielleicht das Übermaß an Absicht die Erbsünde der Pädagogen? Arbeiten sie ohne es zu wollen an der Verstimmung der Kinder? Wie gelingt es in Bremen die Schule zum Resonanzraum zu machen und die Schüler wie einen Resonanzkörper zu stimmen?  Welche Kräfte setzt das frei! Man nehme nur das Sechsmastzelt und die Stadtteiloper!

Der große Celibidache wurde gefragt, was ihn noch daran reize ins Konzert zu gehen. „Dass wir nicht wissen wie es ausgeht“, war seine Antwort. Dieses Genie von Unsicherheit und Gelingen tragen die Musiker in die Schule. Und ebenso stecken die Kinder und Jugendlichen die Musiker mit ihrem Genie an, wenn auch sie einfach nur sein dürfen, sich anstrengen und überraschen.

Die Botschaft der Bremer Stadtmusikanten an die Zombies und Untoten aller Zeiten lautet immer wieder: „Etwas Besseres als den Tod findet ihr überall“.

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