Ich kann das nicht!

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Einmal im Jahr treffen wir uns mit einer Gruppe polnischer Schüler und Schülerinnen (7.-10- Jahrgang) und polnischen Pädagogen eine Woche, um gemeinsam ein Stück Musiktheater auf die Bühne zu stellen.  Dieses Mal fuhren wir zu unseren Partnern nach Lagow in Polen.

Johann ist nun schon das vierte Jahr in unserer Oberschule und dieses Jahr war er zum ersten Mal dabei. Ich war überrascht und fragte mich im Stillen, was ihn zu dieser Entscheidung geführt hatte. Theater, Singen und Musizieren waren bis jetzt er Herausforderungen, die er mied.

Er macht tolle Fotos mit seiner Kamera, die er immer dabei hat. Falls es mit der Schauspielerei nicht so richtig klappte, hat er immer noch seine Kamera.

Diesmal waren nur sehr wenig Jungen in der Gruppe, auch von polnischer Seite. Nun stand Johann plötzlich in einer unbekannten Umgebung vor einer unkalkulierbaren Herausforderung, eine kurze, aber entscheidende Sprechrolle am Ende des Stückes zu verkörpern. „Ok, ihr braucht mich – dann mitgehangen – mitgefangen- ich mach es!“ In der gesamten Probenphase kooperierte er, er passte den Text für sich an und übte szenisch in der Gruppe. Ich war mit den Musikproben beschäftigt. Ich sah nur einmal beiläufig einen Probenabschnitt und war überrascht, mit welcher stimmlichen und schauspielerischen Präsenz ihm dieses kleine Kunststück gelang!

Als wir die Szenen immer mehr zusammenführten, die zuschauende Gruppe größer wurde und die Aufführung näher rückte, verlor er zusehends diese Präsenz, vergaß seinen Text, verhaspelte sich. Einmal war der Versprecher für pubertierende verheerend und er erntete schallendes Gelächter! Noch zweifelte niemand, außer Johann, daran, dass er diese Rolle wunderbar meistern würde.

Da die Szene eingebettet in eine Gesangsnummer war, gab es noch einmal kleine Probe, nun auch mit mir am Klavier dabei und allen beteiligten Erwachsenen als Publikum. Da brach es aus ihm heraus: „Ich kann das nicht! Immer vergesse ich meinen Text. Ich mach das nicht!“ Natürlich versuchten nun alle ihm gut zuzureden, ihm Mut zu machen, ihn an seine guten Proben zu erinnern, ihm Hilfe anzubieten. Als Zeugin hinter dem Klavier war seine Not für mich spürbar. Alles gute Zureden vergrößerte diese exponentiell. Wie oft hatte ich Kindern in meinem professionellem Kontext gut zugeredet. Wie oft habe ich als Kind auf diese „gute Zureden“ reagiert, habe weitergemacht und bin fast immer über meine Grenzen gegangen.

Hier sah ich mit Abstand auf die Szenerie. Seine Not spürte ich in meinem Bauch. Ich mischte mich ein, wendete mich an meine Kollegen: „Es gibt ja keinen Zweifel, dass Johann das gut kann. Nur kann er es jetzt nicht, weil ein weißes Rauschen im Kopf den Zugang zu seiner Kompetenz behindert.“ Ich sah in sein Gesicht und sah in dankbare, etwas glasige Augen! Hier verstand ihn endlich jemand. „Bitte machen wir für heute Schluss, dass Johann sich bis morgen entscheiden kann.“ Auch alle anderen Beteiligten wirkten erleichtert.

In den folgenden Stunden und Tagen gingen meine Gedanken immer wieder zu Johann. Ich hätte ihm so gern davon erzählt, dass die meisten Menschen diesem „Prüfungs-Blackout“ in ihrem Leben begegnen. Es lohnt sich, diese Grenze in einem selbst kennenzulernen und mit ihr zu experimentieren. Wie reagiere ich unter Druck?

Ein Gespräch ergab sich nicht. Auch blieb er bei seiner Entscheidung und jemand anderes sprang für ihn ein.

Während der Aufführung saß ich hinter meinem Klavier und riskierte einen Blick zu Johann. Er war präsent und aufmerksam beim Geschehen, vielleicht ein bisschen traurig.

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