Reflexion des Kneipengesprächs vom 08. Mai

Am 08. Mai saßen wir wieder zusammen um den großen Holztisch im blaenk in Lüneburg und haben uns gefragt, wohin unser Weg im Archiv der Zukunft führen könnte. Bei dem Treffen im letzten Monat haben wir uns viel über die Bewegung der ,fridays for future’ ausgetauscht und überlegt, ob und in welcher Form wir die jungen Menschen unterstützen könnten, die sich dort für ihre Anliegen einsetzen, die ihre Sorge und ihren Ärger ausdrücken. Die Fragen, die daraus entstanden, waren: Worum sorgen sie sich und worum sorgen wir uns? Wofür möchten sie und wir Sorge tragen? Diese Fragen hat Florian in die Runde mitgebracht und wir haben uns mit Hilfe verschiedener Methoden an mögliche Antworten herangetastet.

So hat der Austausch zu zweit uns mit sehr persönlichen Erfahrungen der Sorge in Kontakt gebracht. Sorge um die eigenen Zukunftsträume angesichts der klimatischen Bedrohung. Sorge um die eigenen Kinder. In einer ,stillen Diskussionʻ, in der wir schriftlich Gedanken zu der Frage, was uns angesichts der Welt sorgt, festgehalten und die der anderen kommentiert haben, kamen weitere Themen zur Sprache. In unterschiedlichen Farben und Schriftstilen tauchten in Windeseile Fragen und Gedanken zum Bildungssystem und zur leiblichen Entfremdung von der Welt und den Mitmenschen vor unseren Augen auf. Von der Sorge vor der Wiederkehr der Gespenster der Vergangenheit schrieb einer. Von der Verstrickung des Selbst in eine völlig materialistisch formierte Welt, ein anderer. Lassen wir uns völlig vom Konsum beherrschen? Wie verändern Digitalisierung und Technisierung unseren Selbst- und Weltbezug? Welche Folgen hat der Verlust einer Biodiversität für uns (und andere Lebewesen)? Er geht schließlich auch mit dem Verlust unserer kulturellen Vielfalt einher. Wie kann in Gemeinschaften und Bewegungen ein Zusammenhalt entstehen? Wie kann verhindert werden, dass dieser Zusammenhalt als Reaktion auf gesellschaftliche Krisen problematische, radikale Formen annimmt? Wie kann das visionäre Potential einer Bewegung weitergetragen werden, ohne zu erlahmen?

Insbesondere diese letzte Frage kam auch im mündlichen Gruppengespräch zur Geltung.Wie kann lebensförderlicher, kreativer Aktivismus gestärkt werden? Es wird in unserer Runde deutlich, dass es vor allem darauf ankommt, im wahrsten (sinnlichen) Sinne, berührt und betroffen zu werden. Leiblich zu spüren, was in mir und um mich herum geschieht. Eine Demonstration ist nicht nur eine ideelle Angelegenheit, sie ist eine leibliche Erfahrung. Ein vorstrukturierter (Schul-)Alltag mit fremdbestimmten Inhalten, festgelegten Bewegungsabläufen und standardisierten Anforderungen ist mehr als nur ein didaktisches Konzept. Es ist die leibliche Realität fast aller (junger) Menschen. Was löst eine Situation, ein Kontakt mit anderen Menschen und Lebensformen aber konkret in mir aus? Wie kann ich selber dazu beitragen, dass sie für mich bedeutsam und erfüllend sind? Und erstarkt so nicht auch der Wunsch in mir, Anderen ebenfalls bedeutsame und erfüllende Erfahrungen zu ermöglichen? Selbstreflexion und die Sorge für Andere; nach Antonius’ Verständnis macht das einen Bildungsprozess aus. Statt eine abstrakte, gesellschaftliche Veränderung zu fordern, können wir sie selber im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände nehmen.

Wenn die Menschen in der ,fridays for futureʻ Bewegung zum Beispiel anfingen, Gemeinschaftsgärten an Freitagen anzulegen? Wenn ich Pflanzen säe, sie beim Keimen und Wachsen beobachten kann, ihnen Hilfen zum Ranken baue, sie gieße und ihre Früchte ernte, sorge ich mich um ihr Wohl und erfahre ich den Wert von Lebendigem. Nur wenn ich in einer konkreten Begegnung spüre, wie sie sich ereignet und Verantwortung dafür übernehme, sie bewusst mitzugestalten, kann ich den Bogen zum großen Wandel schlagen. Und was bedeutet das für unsere Kneipengespräche des AdZ? Wie können und wollen wir Sorge tragen? Indem wir genau diesen Gestaltungspielraum in jeder Situation erkennen, thematisieren und erproben, anstatt uns an eingeschliffenen Gesprächs- und Handlungsroutinen  festzuhalten. Indem wir unsere Visionen teilen, die Anderen an unserem inneren Schwung teilhaben lassen und unsere Sorgen und Wünsche teilen. Aber auch, indem wir uns aufmerksam zuhören, aufeinander eingehen, innehalten und nachfragen, Sorge für das gemeinsame Wohl tragen. Wenn wir uns wirklich auf unser leibliches Empfinden, unsere Umgebung und unsere Gegenüber einlassen, können wir die stetige Bewegung in uns und um uns herum spüren und als Anstoß nehmen für Reflexion und Veränderung.

Diesem gemeinsamen Wunsch verleihen wir in unserer Abschlussrunde Ausdruck; sie ist ein Ja-Gespräch. Eine Runde, in der auf die Aussage der vorherigen Person prinzipiell eine zustimmende, bestärkende Aussage folgt. Eine Methode, die es ermöglicht, zu spüren, was für einen Unterschied es macht, wenn die „abers“ und „jedochs“ und „trotzdems“ einmal beiseite gelegt werden und einem zustimmenden, verheißungsvollen „und“ weichen. Also: Wir könnten mit den Menschen, die sich Veränderung wünschen, Gemeinschaftsgärten aufbauen und das auf der ganzen Welt und in diesen Gärten könnten wir zusammen lernen und Schulen des Lebens gründen und wir könnten auch darin zusammen leben und damit können wir direkt anfangen und, und, und…

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