1. Das Netzwerk bedarf im 13. Jahr seines Bestehens einer Erneuerung. Es gibt einen Kreis aus der ersten Generation der Gründer und aus einer zweiten Generation, der sich diese Arbeit vorgenommen hat.

2. Das Netzwerk sollte künftig auch ein Generationennetz sein. Schüler und Studenten (Schülerinnen und Studentinnen immer mitgemeint!), die freitags auf die Straße gehen machen uns Mut und fordern uns heraus. Sie sind aber auch auf Mentoren angewiesen, auf Gesellschaft.

„Wir sitzen auf dem Ast, an dem ihr sägt.“ Das ist eine der Parolen von Fridays for Future.Sie bringt eine neue Unbedingtheit ins Spiel. Die Jugendlichen wollen das Geräusch der Sägen nicht mehr überhören. Sie reagieren auf die Abspaltungen ihrer Eltern und Lehrer. Tatsächlich sind wir Erwachsene, auch die kritischen und engagierten, häufig sehr viel bessere Kommentatoren der Welt als Autoren des notwendigen Wandels. Wir müssen uns also zum gemeinsamen Handeln verabreden.

Deshalb sollte das Netzwerk Teil eines zu initiierenden Generationengesprächs werden. Man denke an den großen Satz von Margret Mead, dass alle Erziehung und Bildung letztlich nichts anderes sei als das Generationenverhältnis. Das kann nie wieder einseitig als Einwirkung der Älteren auf die Jüngeren gedacht werden.

3. Schulen sollten ein bedeutender Ort bei der Erneuerung unserer Gesellschaft werden. Das Archiv der Zukunft will dabei eine Rolle spielen. Es gibt Bündnispartner. Etwa der Vorschlag der Erziehungswissenschaftler Manfred Prenzel und Klaus Zierer sowie des Philosophen Julian Nida-Rümelin 40 Prozent der Unterrichtszeit für Projekte zu zeitgenössischen Fragen freizumachen. Das sind Stichworte, die aufzugreifen, Ideen auf deren Verwirklichung bestanden werden muss: Zeit geben! Mehr Tiefe! Innere Beteiligung und Erfahrung! Schluss mit dem Bulimielernen!

4. Im vergangen Jahr haben wir alle den Unterschied von schönem Wetter und problematischem Klima verstanden und ziehen doch zumeist den Genuss des schönen Wetters vor. Die Schülerinnen und Schüler verlangen nun, dass wir aus unserem Wissen Konsequenzen ziehen. 

Zuspitzungen und Kipppunkte in der Natur und in der Gesellschaft werden sich häufen und kommen plötzlich. Wie der Übergang vom heißen Wasser zum Dampf oder vom kalten Wasser zum Eis. Auf dem Thermometer nur ein Strich, tatsächlich auf einmal eine andere Qualität. 

5. Wachstum ist die „dynamische Stabilisierung“ unsres Systems, sagt Hartmut Rosa. Aber das Wachstum stößt an seine Grenzen. Schulen sind überwiegend von dieser DNA der Industriegesellschaft bestimmt. Wie könnten sie DNA-Labore des Wandels werden? 

Wie entsteht eine Zukunft, die ihrerseits nicht mehr das Leben auf die Zukunft vertagt, also mit all den Strategien des Später und „Um-zu“ und dem ständigen Versprechen auf Steigerungen, Optimierung und vor allem auf Mehr, keine Pseudo-Zukunft also, die vor allem vertröstet und über die vernachlässigte und ausgebeutete Gegenwart hinweg täuscht?

Wie also könnten aus Schulen wichtige Orte werden, in denen sich die Gesellschaft bildet, wandelt, ja auch reflektiert?  Eine Art Selbstversuch? Ein schöner Ort, um ganz gegenwärtig sein zu können, eine wache Gegenwart, in der tatsächlich Zukunft entsteht und nicht verbraucht wird. Wenn Schulen nicht mehr wie „Lernfabriken“ drauf aus sind zum Funktionieren zu erziehen, wenn die Schulen eher Werkstätten, Ateliers, auch mit Räumen der Stille und zum Üben würden, „Treibhäuser der Zukunft“ oder sogar die Kathedralen unserer Städte, die schönsten Orte – warum nicht? Wenn also die in der „Schule der Industriegesellschaft“ vernachlässigten Felder kultiviert werden: „Kunst“, Projekte, eine Vita Aktiva. 

6. Sammeln wir doch Ideen und vor allem fangen wir mit ihrer Verwirklichung an. Und lassen vieles weg! Siehe oben. (40 Prozent des Unterrichts für „Schlüsselprobleme unserer Zeit“.)

Werden wir ein Archiv, dass diese Ideen und Geschichten in Umlauf bringt. Nicht nur groß auf Bühnen, in Theatern und auf Kongressen, wie wir es schon getan haben, (und wie es etwas eingeschlafen ist). Auch das wohl wieder, aber vor allem und erst mal klein, vor Ort, etwa in regelmäßigen aber informellen Treffen zum Beispiel in Cafés, Restaurants oder Kneipen. Auch in privaten Treffen und warum nicht „Salons“? Wann immer möglich auch größere Verabredungen.

7. Unsere Homepage soll dafür die Plattform werden. Ein Ort der Ideen, Geschichten und Resonanzen. Natürlich auch von Filmen und Videos, die nicht unbedingt „professionell“ sein müssen. Von Debatten und auch den kleinen Dingen. Aber was heißt eigentlich klein? Schritte können gar nicht zu klein sein, wenn sie denn genau und wahrhaftig sind und wenn beim Gehen der Horizont geweitet wird. 

Auch wenn diese Idee der großen Erneuerung vielleicht etwas übermütig erscheint und manches sogar dagegen spricht, wir sollten es versuchen. Anfangen! Eine unserer Gründungsideen war, dass nur das wirklich gelingen kann, was auch scheitern darf. 

Und auch das war und ist eine Archiv der Zukunft Maxime: Es kommt auf die Intelligenz der Praxis an. Sie muss zur Würde kommen. Also die Akteure. Sie, die Intelligenz der Praxis, soll die Königin sein. Der Theorie gebührt ein hervorragender Platz als Beobachter und  Fragensteller. Sie ist auch eine visionäre Instanz. Aber eines sollen die Schreibtische der Theorie nicht mehr sein: Ansager. Kein Himmel, von dem das Richtige in die Niederungen abgeseilt wird. Seien es Pläne, Vorgaben oder Richtlinien, die dann, wie es bezeichnenderweise heißt, umgesetzt oder ausgeführt werden. 

8. Wird es angesichts digitaler Kolonialisierungen der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen nicht höchste Zeit, Schulen zu Zukunftswerkstätten zu machen, in denen Medien und digitale Werkzeuge produktiv genutzt werden? Was setzt die Schule der alltäglichen Einübung zum digitalen Endverbraucher, dessen Aufmerksamkeit abgesaugt und verwertet wird, entgegen? Führt die begonnene Digitalisierung der Schulen am Ende sogar zu einem programmierten Unterricht, der die Schüler an die Strippe nimmt? Alle reden vom „Digitalpakt“ für Schulen. Häufig geht es dann aber nur um Hardwarefetischismus. Ausstattung mit Computern, WLAN oder Whiteboards. 

Vor allem aber das gehört zum großen Thema „Digitalisierung“: Bald übertrifft die Laufzeit der Maschinen die Arbeitszeit der Menschen. Davon sind die Strategie- und Personalmanger überzeugt, die zusammen 70 Prozent der Weltwirtschaft repräsentieren. Gefragt wurden sie im Auftrag des Weltwirtschaftsforums, das alljährlich in Davos tagt. Derzeit entfallen global 29 Prozent der Arbeit auf Maschinen. Im Jahr 2025 werden es 52 Prozent sein. Was für ein Tempo. Was für eine Umwälzung. Der Anteil menschlicher Arbeit sinkt in knapp sieben Jahren von 71 auf 48 Prozent. Aus Maschinen, die bisher bedient wurden, werden mit Algorithmen gefütterte Systeme. 

Gegen diese düstere Vision wäre der Horizont aufzureißen. Als erstes die Angst stoppen, dass die Maschinen uns die Arbeit wegnehmen. Die Angst in die hoffnungsvolle Perspektive verwandeln, dass Maschinen uns Arbeit abnehmen. Der Versuch dieses Perspektivwechsels vom Wegnehmen zum Abnehmen ist das große Thema unserer Zeit!

Statt der Angst ohne Job aus der Welt zu fallen, wären Schritte in eine vielgestaltige Tätigkeitsgesellschaft, der alten Vita activa,  zu machen. Ideen, Experimente und Selbstversuche für den Abschied von jenem Maschinenhaften, das wir Menschen im Laufe der arbeitsteiligen Industrialisierung am eigenen Leib erlitten – uns selbst zugefügt haben. Abschied  von der Vita passiva, der Rädchen im System, des Lebens als Endverbraucher, Weltverbraucher, Weltendverbraucher. Wie könnten wir die Zwangsjacke des Industriezeitalters wieder ablegen? Wie ließe sich der harte Bildungsprozess vom empfindsamen Leib zum funktionieren Körper unterbrechen und umkehren. Hin oder zurück zu jener „Bildung“, die häufig nur proklamiert wurde? 

„Maschinen arbeiten und die Arbeiter singen.“ Davon träumten die Frühsozialisten. Gehören solche Träume nicht ins Programm der Medien, auf die Tagesordnung der Politik und vor allem in den Alltag der Schulen? Ein schöner Traum! Das mögen viele jetzt denken. Was wäre das für ein Feld zur Erneuerung von Bildung!  

9. Ist das hier ein Traum? „Lehrer stellt Sport, Musik, Malerei und Kunst ins Zentrum Eurer Schule.“ Weiter: „Wir können Kindern nichts beibringen, was Maschinen besser können.“ Und dann noch: „Ändern wir nicht, wie wir unterrichten, dann haben wir in 30 Jahren große Probleme.“ Es spricht Jack Ma aus China. Er ist Gründer und Boss von Alibaba, der größten Handelskette der Welt. Er begründet seine Aussage mit der Digitalisierung, die bis 2030 bis zu 800 Millionen Jobs vernichten werde und er verlangt, dass Kinder etwas Einzigartiges lernen sollen, etwas, das Maschinen niemals können. In China  kritisiert man neuerdings die „Entenstopfpädagogik“. Statt dessen: “Werte, Überzeugung, unabhängiges Denken, Teamwork, Mitgefühl – Dinge die nicht durch reines Wissen vermittelt werden.“ Jack Ma war selbst mal Lehrer. 

Man reibt sich die Augen. Wenn wir wieder klar sehen, erkennen wir den Kapitalismus als das in sich höchst widersprüchliche System, das zur Auflösung drängt. So oder so. Auflösung seiner Widersprüche oder Auflösung total. Im Übergang zum zweiten Maschinenzeitalter verlangen die Unternehmen intelligente und kreative Mitarbeiter. Und zugleich den idiotischen Konsumenten. Beides geht nicht. Auf welcher Seite stehen die Schulen? Bei den Prothesen der Vita passiva? Oder bei der vitalen Vita activa, dem tätigen Leben, diesem alten Ziel. 

10.  Das Netzwerk Archiv der Zukunft hatte nach den Irritationen von Pisa, Timss und anderen Studien und dem einige Zeit folgenden Aufbrüchen einen Glutkern, der nicht erloschen aber doch ziemlich erkaltet ist. Wir wollen diesen Glutkern und andere neu entzünden. 

Und das heißt auch, endlich das Netzwerk zu werden, das wir immer sein wollten, aber eigentlich noch gar nicht sind.   

3 Kommentare

  1. Ich kann nur alles doppelt unterstreichen und uns Mut zusprechen, den ersten Schritt zu tun: da und dort mit kleinen oder größeren aktiven Interventionen das System Schule in Bewegung zu bringen, Veränderungen sichtbar zu machen und mit dieser Energie daran weiterzuarbeiten!

  2. Freue mich sehr über Lebenszeichen des AdZ und die neue, frisch wirkende Website.
    Besonders erfreulich empfinde ich die Nachdenklichkeit über vielfältigere Gesprächsformen und deren Weiterentwicklungen – auch jenseits großer Kongresse und Bildungsforen.
    Ich teile die Beobachtung von Paul Schmidt (im Beitrag Debatteneröffnung), dass wir Lehrerinnen und Lehrer oft in den Grundsatzgesprächen über Bildung und Schule nicht (mehr) mitsprechen oder nicht mit gehört werden. Das hat sicher sehr viele Gründe, z.B. in Arbeitssituationen, Selbst- und Fremdbild und Erfahrungen mit pädagogischen Gesprächen und öffentlichen Stellungnahmen. Mein Eindruck ist, dass viele Lehrer*innen auch immer wieder experimentell unterwegs sind und die Kunst in der Sammlung stecken könnte.
    Am Ende möchte ich mir selbst immer wieder Zeit nehmen, solche Gespräche in engeren und weiteren Kolleg*innen-Kreisen zu führen.
    Wünsche weiter engagierten Austausch und schaue sicher wieder vorbei.

  3. Schulbildung, Menschenwürde und Herrschaft
    Wie können wir das Gute im Inneren des Menschen erfolgreich zur Umsetzung all der, aus mitmenschlicher Liebe geborenen Visionen Reinhard Kahl´s ermuntern, wenn der Platz dazu immer noch die Schulen sind, die zu Kaisers Zeiten mit dem Zweck gegründet wurden, das Volk mittels Gewöhnung an Pflicht, Gehorsam und Unterwerfung in den Dienst der Herrschafts-Maschinerie der Obrigkeit zu stellen?
    Ich meine, dass es nun Zeit ist, die Bewegung Fridays for Future genau in jenem Mittelpunkt zu stärken, der von Greta gemeint war, nämlich der das Leben verratenden Obrigkeit den Gehorsam zu verweigern! Die systemkonformen Medien verzerren bei ihrer Berichterstattung über Fridays for Future den Blickwinkel auf das systemimmanente Ziel, eine hoffnungsvolle Zukunft im Wesentlichen über Umweltdebattiererei zu erreichen. Dem könne man sich dann auch gehorsamst in ihren Drillinstitutionen und unter ihrer Kontrollmanipulation hingeben. Um auf den richtigen Geschmack zu kommen, wie die Kultusministerien “Future der Bildung”, gern hätten, braucht man sich nur mal ihre Reaktion auf die Schulstreiks auf der Zunge zergehen zu lassen: Pflicht, Gesetz und Gehorsam ist ihr Tenor. Aus Unwissenheit, was es für die geistige Prägung bedeutet, werden die Übergriffe auf die geistige Integrität ganzer Generationen billigend, – ja sogar mittragend von Familien und Schulen verantwortet. Angst prägende Bevormundung und entsolidarisierende Drillziele sind die wahre Basis von Schule. Mit dieser Unterwerfungspflicht werden Kinder schon konfrontiert, wenn sie morgens aus dem Schlaf gerissen werden, um sie bezugslosen Vorgesetzten zur Leistungs-Nötigung auszuliefern. Hier sollte klar sein, dass noch so gut gewillte Lehrer mit respektvollem Umgang zu den Schülern, die Wirksamkeit des Unterwerfungssystems Schule nicht umdrehen! Von dem “Bildungssystem” ganz unreflektiert, wird die ursprüngliche Wesenheit im innersten Sein der Kinder, die nur als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen werden will, planmäßig gezwungen, diese Einstellung zu verraten! Die besonders zur Darstellung der Alternativlosigkeit der Gesellschaftsordnung trainierten Lehrer, zwingen über gegenseitige Be- und Entwertung des aufgezwungenen Lernvermögens, zu entwürdigendem Konkurrenzverhalten. Hiermit wird das Menschsein vorsätzlich aufeinander gehetzt (ein Verbrechen an der Menschlichkeit). Dieser kulturelle Wahn wird durch die kulturneurotische Lüge, als wettbewerbsnotwendig gelehrt. Das ist nirgends zu entschuldigen und gehört eigentlich ins Strafgesetzbuch als Erpressung, Nötigung und Missbrauch minderjährig Abhängiger, da dies der primäre Ausgangspunkt der kulturellen Entsolidarisierung ist.
    Um nicht nur gegen etwas zu sein, hier mein Vorschlag, wie der Geist, den Reinhard Kahl uns immer wieder so warmherzig an den Horizont schreibt, baldigst zur Basis eines ethischen Bildungssystems werden kann:
    Die unumgängliche Revolution des Bildungssystems kann von allen darin Verstrickten aufgrund der darin wirkenden Nötigungs- und Erpressungsstrukturen trotzdem in allen Instanzen schrittweise vorangetrieben werden. Das funktioniert nur über eine künftige Bewegung ausgesprochener Gehorsamsverweigerung! Dazu sollte eine ethisch ehrliche Bewegung immer von Neuem aufrufen. Vor neuen wirklichen Bildungszielen muss dem Gehorsam unbedingt die Loyalität verweigert werden, weil dessen Dominanz als Betrug an der Menschlichkeit empfunden wird und in seinem Stallgeruch solidarische Bildung unglaubwürdig ist. So ist über eine Phase der Doppelherrschaft alter Repression, die gleichzeitige Entwicklung zu solidarischer Begegnungsstätte nicht lange ideologisch zu behindern. Jeglich denkbarer Freiraum sollte dazu genutzt werden.
    Macht kaputt, was euch kaputt macht, um das endlich machen zu können, was euch erbaut.

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