Aus erster Hand

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Letztens habe ich mich zurückerinnert an einen meiner liebsten Lehrer. Ein drahtiger Typ mit einem etwas fuchsigen Gesichtsausdruck und stoppeligem Bart. Die besten Stunden der Schulwoche verbrachten wir oft in seinem Geographieunterricht. Er holte dann seine Festplatte hervor und zeigte uns seine Fotografien aus aller Welt. Seine Fotos waren keine Reisebüroreklame, einen National Geographic Foto-Wettbewerb hätte er damit auch nicht gewonnen, aber sie waren echt.

Und er erzählte Geschichten dazu. Ohne etwas auszusparen. Genauso wie er uns erklärte was ein Findling in die usbekische Wüste verschlagen hatte, prahlte er mit seiner italienischen Freundin, die er auf Bali kennengelernt hatte. Auf pubertäre Rückfragen aus dem Publikum zu solchen Chosen reagierte er je nach Laune etwas ruppig oder verschmitzt lächelnd.

Eine seiner Episoden spielte an einem mexikanischen Strand. Sie begann mit dem Einschleichen in ein Hotel, dessen hauseigener Strand von ihm und seinem Freund zum Schlafplatz auserkoren worden war und endete mit der Erklärung des Land-See Windsystems und dem Unterschied zwischen Hoch-und Tiefdruckgebieten. Ganz nebenbei hatten wir gelernt, wie man am Strand sein Zelt aufstellen sollte, wenn man den nächtlichen Schlaf durch eine angenehm-belüftende Brise begleiten lassen wollte. Falls der Lehrplan Stadtgeografie vorschrieb, erinnerte er sich an die engen Gassen Indiens, war nun Klimageografie vorgesehen, beschrieb er ehrfurchtsvoll die Weite der Wüste Gobi.

Trotz dieses Erfahrungsreichtums hatten seine Ausführungen nichts Überlastendes. Wir sackten unter dem Druck der fehlenden Lebenserfahrung nicht zusammen. Fühlten uns nicht klein und krumm, weil wir so etwas noch nicht erlebt hatten. Im Gegenteil, solche  Erzählungen aus der echten Welt weiteten die Brust. Die Betonung lag für uns nicht auf dem nicht, sondern auf dem noch. Wohlwissend, dass wir nie ganz dieselben Geschichten erleben würden, wollten wir uns aufmachen wie unser Lehrer und unsere Erfahrungen mitteilen. Wir wurden welthungrig.

Als ich dann sieben Wochen lang in Australien verbracht hatte und zurückkehrte, bat ich ihn darum, der Klasse ein paar meiner Fotos zeigen zu dürfen. Er schenkte mir eine ganze Doppelstunde und nahm in der letzten Reihe Platz.

Während ich vorne inbrünstig und ein bisschen aufgeregt von den Sedimentschichten Nordaustraliens und den ungewohnt hohen Löhnen für Müllmänner und -frauen, Krokodilen und Schluchtenbildung sprach, blickte ich für einen Moment in die letzte Reihe. Und sah dieses verschmitzte Lächeln. Manchmal, wenn ich in der fremden Ferne bin, sich etwas ereignet hat und ich innehalte, dann sehe ich es immer noch.

Was wäre nun, wenn Lehrerinnen und Lehrer nicht nur Wissen aus zweiter Hand präsentierten, sondern Erfahrungen aus erster Hand teilen? Es gibt auch im Klassenraum ein Gespür für die Bedeutsamkeit des Echten. Während das Secondhand-Wissen durch Schülerinnen und Schüler hindurchschwebt, drängen sich die Originale auf und haften sich an. Darin besteht der Wert der Erzählung gegenüber der Theorie.

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