In den Bemühungen für eine bessere Bildung und  für bessere Schulen hat sich eine neue Allianz ergeben: die Leuphana Universität Lüneburg und das Archiv der Zukunft kooperierten erstmals. Die Leuphana Universität folgt schon seit längerem einem sehr ambitionierten fächerübergreifenden Konzept, in dem es um die politische Verantwortung von Wissenschaft geht, speziell im Bereich der Nachhaltigkeit. Studierende erfahren sich nicht nur als Wissenschaft Treibende, sondern auch als politisch Handelnde. 50 Jahre nach 1968 ist das Politisierung im besten Sinne. Und darin eingebettet nun ein Bildungskongress vom „Archiv der Zukunft“. Es kamen ca. 600 Teilnehmer. Auch das: Politisierung im besten Sinne. Offenbar gibt es die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Das Archiv der Zukunft ist vor allem bekannt geworden durch Reinhard Kahl, der mit seinen Filmen, allen voran „Treibhäuser der Zukunft“, sichtbar gemacht hat, dass Lernen und Freude einander keine Fremdwörter sind, sich nicht ausschließen, sondern im Gegenteil sich bedingen. Er hat für glückendes Lernen eine neue Sprache gefunden, die weniger trügerisch, weniger ideologieanfällig ist. Gesichter lügen weniger als Worte. Die Filme machten Lust, schlechte Gewohnheiten durch eine gute Praxis zu vertreiben. Außerdem haben die Kongresse des Vereins im Festspielhaus von Bregenz und in den Münchener Kammerspielen eine große Strahlkraft in die ganze Republik entwickelt, aber auch nach Österreich und in die Schweiz.

Es ging dem Verein immer darum, bundesweit die Energien zu sammeln und zu verstärken, die den Vorschein auf eine bessere Zukunft erzeugen wollten und sich nicht in den Rahmen offizieller Bildungspolitik bannen ließen. Die pädagogisch Selbstdenkenden wollten sich nicht nur in den normierten Welten der Dienstversammlungen verausgaben, sondern spürten noch den Drang nach Autonomie, der vor weit über 200 Jahren so begeisternd war. So wollten sie nicht mehr den elenden Strategien der Vergeblichkeit und den entwürdigenden Maßnahmen der existenziellen Kränkungen durch systematische Trennung von lernenden Kindern folgen. So wollten sie Front machen gegen die Gemeinheit, die das alles normal findet, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat. Sie machten aber auch Front gegen die ohnmächtigen Rituale des Klagens darüber, dass nun mal so viele Kinder im standardisierten Alltag mit all seinen Normiertheiten und Definiertheiten nicht funktionieren.

Da im Alltag „funktionieren“ und „frustrieren“ so häufig ein Reimpaar bilden, hatte der Kongress in Lüneburg den Titel: „Funktionieren? – Funktioniert nicht! Abschied vom Weiter-so.“ Deswegen wurden auch keine Experten fürs bessere Funktionieren (und auch keine Funktionäre) zu Rate gezogen, sondern in guter Tradition der Kongresse Soziologen, Philosophen, Künstler, Lebenskünstler, Handwerker, die wissen, dass im Weiter-so der Weg der Lemminge beschritten wird.

Mit dem neuen Standort wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Das war in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Der Libeskindbau  als Herberge ist allein eine Reise wert. Lokale Bildungseinrichtungen wie die IGS Embsen und VHS Lüneburg brachten ihre aktuellen Alltagserfahrungen im Neu- und Nachlernen (was sagen Menschen, die sich um einen zweiten Anfang an der VHS bemühen, über ihre Erfahrungen des Scheiterns im ersten Versuch?) ins Spiel. Und dann waren da die einzelnen Menschen, die etwas wollten: Sven Prien-Ribcke, der verantwortliche Dozent der Uni, der sich dafür engagiert, dass schulisches Lernen verändert werden muss, Florian Schmidt und Lukas Tohoff, zwei Drittsemester, die vermutlich selbst noch nicht ermessen können, welch unglaubliche Wirksamkeit sie erzielt haben, Reinhard Kahl mit seinen Erfahrungen und seiner Kreativität und die Seminarteilnehmer, die sich mit dem Kongress-Thema  im Wintersemester befasst hatten und diesen Kongress organisatorisch vorbereitet und inhaltlich bereichert haben. Die Studierenden, die sich zeitlich noch nah an der Erfahrungen der Schule befinden, haben sehr beeindruckt durch jeweils beides: Organisation und Inhalte, Einzelveranstaltungen und Podiumsdiskussionen.

Die Projektgruppen der Studierenden präsentierten O-Töne von Lehrenden, die plausibel machten, warum sie Lehrkräfte (geblieben) sind. Oder imaginierten eine Schule, die sich nicht an der Norm, sondern an den individuellen Möglichkeiten ausrichtet, frei von Bluff, Simulation und Bulimielernen. Und immer wieder die Frage nach der Zukunft von Arbeit und der Zukunft von Bildung. Beides muss man, so die Studierenden, zusammen denken.

Mit Hartmut Rosa fragten sich die Kongress-Teilnehmer, wie man sich mit dessen Resonanz-Begriff um entfremdetes Leben, Lernen und Arbeiten vorstellen kann. Oder mit Harald Welzer, wie wir 50 Jahre nach 1968 alternative Horizonte erschließen, Handlungsspielräume nutzen können und diese nicht einfach nur klagend links liegen lassen. Oder mit Van Bo Le-Mentzel, wie eine gesellschaftliche Praxis zugleich radikaler und pragmatischer werden kann (einen Film über ihn hat Reinhard Kahl kürzlich im Abaton in Hamburg gezeigt). Und das war längst nicht alles.

Es gab eine Grundmelodie, die die unterschiedlichsten Improvisationen erfuhr.

Wenn Bildung nachhaltig und befreiend sein soll, also nicht instrumentell, nicht aufs Funktionieren gemünzt ist, dann wird in dem Bereich zumindest keine soziale Ungleichheit erzeugt. Demokratische Wirksamkeit lernt man nicht als Bundesbürger oder als Weltbürger, sondern in dem kleinen Gemeinwesen Schule.

Lust auf einen neuen Blick, das Vertraute unvertraut machen, Gründe für ein anderes Handeln sich erarbeiten, Möglichkeiten für ein glückliches Lernen und Lehren erkennbar machen, das verlangt Experimentiergeist. Das verlangt Mut zur Verantwortung von jedem Einzelnen. Van Bo, der sich mit keiner Ungerechtigkeit abfinden mag, sagt in Kahls Film: „Wer etwas kann, muss auch Verantwortung übernehmen.“ Also engagiert sein. Sonst ist es nichts wert. Auf dem Kongress konnte man einzelne Erzählungen hören über das Glück des Gelingens, über die Chancen für eine bessere Zukunft, wenn man den Mut und den langen Atem hat. Glück kann man nicht erzwingen, aber man kann das Klima schaffen, in dem es eine Chance hat. Um noch einmal auf die Resonanz zurückzukommen: Das Schwingende, das den Lernvorgang ausmacht, ist hier sowohl physikalisch als auch metaphorisch zu verstehen. Begabung ließe sich als die Fähigkeit beschreiben, Schwingungen aussenden und aufnehmen zu können. Für Glück gilt das wohl auch.

Das Archiv der der Zukunft versucht, Einzelerzählungen zu archivieren. Die Erzählungen sollen zum Selbstversuch der Schulen ermuntern und damit zur Entdeckung neuer Möglichkeiten des Lernens. Und darum geht es entscheidend. Eine Bildung ist möglich, in der Kinder nicht in erster Linie Angst vor dem Versagen haben müssen. Diese Angst ist allgegenwärtig, auch wenn sie sich hinter den Attitüden der Gleichgültigkeit, destruktiver Selbstbehauptungen oder medialer Selbstüberhöhungen verbirgt.

Hilfreich ist Experimentiergeist, aber kein Stillhalteabkommen, das man in Hamburg euphemistisch Frieden nennt. In Lüneburg war ein anderer Geist spürbar: konstruktiv, forschend, engagiert, reflexiv. Die Premiere der Allianz von Uni und Verein war ermutigend.

Wenn es eine Unzufriedenheit gab, dann die: Es gibt noch immer eine mangelnde Verknüpfung der innovativ Handelnden zwischen den Kongressen. Das Archiv der Zukunft muss seinen Archiv-Charakter neu formen, also den Ort, an dem sichtbar wird, was alles unternommen wird, um aus dem imaginierten Blickwinkel einer besseren Zukunft die jetzigen Wegbereiter, die jetzigen Helden des Alltags wirksam werden zu lassen, regional und bundesweit. Das im Archiv der Zukunft besser machen zu wollen, ist eine schöne Aussicht.

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