Zuspitzungen und Kipppunkte

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Avi Loeb leitet an der Harvard Universität das astronomische Institut. Er spürt intelligenten Wesen im Kosmos nach. Keine Science-Fiction. Der Astrophysiker hat Daten und Argumente. Er hat allerdings auch Überzeugungen, die ihn als Kind unserer Zeit ausweisen. »Ich fürchte, dass Zivilisationen kurzlebig sind, weil sie mit ihrem Heimatplaneten nicht sorgfältig umgehen und sich am Ende selbst zerstören.« 

Dieser Fatalismus breitet sich aus. Zumeist wird er abends nach dem dritten Wein ausgesprochen. Die Angst kommt nachts. Nun, so scheint mir, erreicht die Düsternis die Tagesordnung. Etwa bei Hans Ulrich Gumbrecht. Der einst jüngste deutsche Professor für Literaturwissenschaft wurde seinerzeit nach Stanford berufen und ist in den USA geblieben. Ich konnte ihn für mein Philosophisches Café im Hamburger Literaturhaus mehrfach gewinnen und schätze seinen Scharfsinn. Er sagt: »Heute weiß keiner, wo es hingehen soll« und spricht von einer müden und brüchigen Gegenwart. Es klingt fast wie ein Selbsttrost, wenn er hinzufügt, dass »evolutionsgeschichtlich und kosmologisch das Ende unserer Spezies ja ohnehin garantiert« sei. 

Oder Michel Houellebecq. Sein neuer Roman wurde sofort Bestseller. Sein ganzes Werk zeugt von der Erschöpfung und seelischen Armut der Protagonisten. Der Held ist diesmal ein überzeugter Diesel- SUV-Fahrer. Er ist vom Untergangspropheten zum bekennenden Untergangsbetreiber unterwegs. »Ich hatte nicht viel Gutes im Leben getan«, sagt er, »aber zumindest würde ich meinen Teil zur Zerstörung des Planten beigetragen haben.« Klingt wie der Klartext eines Trump oder Bolsonaro.

Augen zu? 

Bolsonaro, der neue brasilianische Präsident, will den Regenwald wieder zum Abholzen frei geben. Holzverkauf. Viehzucht. Geld. Jetzt schon ist am Amazonas auch der von der Axt unberührte Wald vom Klimawandel stärker bedroht, als Ökologen dachten. Sie haben 

berechnet, dass der Kipppunkt für den Regenwald viel näher liegen könnte. Statt 40 Prozent Entwaldung würden wohl 20 Prozent reichen. Der Regenwald ist ein Kreislauf von Regen, Verdunstung, Wolkenbildung und wieder Regen. Für den Übergang vom Regenwald zum Trocke wald bräuchte die Natur Zeit. Wenn der Regenwald stirbt, folgt die Wüste. 

Kipppunkte kommen plötzlich. Wie der Übergang vom heißen Wasser zum Dampf oder vom kalten Wasser zum Eis. 

Auf dem Thermometer nur ein Strich, tatsächlich auf einmal eine andere Qualität. Wir nähern uns Kipppunkten. Das ahnen viele. Auch diejenigen, die trotzig die Augen verschließen und lieber Elemente der brüchigen Gegenwart optimieren, statt Zukunft zu ermöglichen. Warum den Wald nicht roden, wenn unsere Frist ohnehin schrumpft? Und immer weiter Wachstum. Wachstum ist die »dynamische Stabilisierung« unseres Systems, wie Hartmut Rosa sagt. Jede Unterbrechung könnte den gefürchteten Crash vor ziehen. Also, lieber nicht hingucken. 

Augen auf! 

Wie wird die brüchige Gegenwart wieder lebendig? Wie entsteht Zukunft? Wie kommen Zuversicht und Lebendigkeit auf? Es kann nur eine Veränderung der Haltung sein. Dafür könnte, ja müsste die Schule ein Ort werden. Zum Beispiel Zeit für tiefer gehende Gespräche. Nicht nur im Unterricht. Vielleicht gar nicht im Unterricht. Eher Generationendialoge mit überarbeiteten 40-Jährigen, mit milder werdenden Rentnern, mit Jugendlichen, die die Schule gerade hinter sich haben. Ein Gespräch zum Beispiel über diesen Satz der Amerikanerin Barbara Ehrenreich: »Sie können sich den Tod voll Bitterkeit und Resignation als tragische Unterbrechung ihres Lebens vorstellen und jede denkbare Möglichkeit ergreifen, ihn herauszuschieben. Oder Sie können sich das Leben als Unterbrechung einer Ewigkeit individueller Nichtexistenz vorstellen und es als eine kurze Chance begreifen, die lebendige, immer überraschende Welt um uns herum zu beobachten und mit ihr zu interagieren.« 

Für so was haben wir keine Zeit, sagen Sie? Stopp! Der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari (»Eine kurze Geschichte der Menschheit«) glaubt, dass er nur deshalb Millionen Jahre Weltgeschichte auf 400 Seiten bringen konnte und so überaus produktiv ist, weil er täglich zwei Stunden meditiert. Oder Rousseau: »Zeit verlieren, heißt Zeit gewinnen.« Zeit ist die Geheimgrammatik von Bildung. Meditation und Räume der Stille in der Schule? 

Warum nicht? 

Auf geht’s! 

Sammeln wir doch Ideen und vor allem fangen wir mit ihrer Verwirklichung an. Und lassen vieles weg! 40 Prozent des Unterrichts für »Schlüsselprobleme unserer Zeit« verlangen Klaus Zierer und andere in einem Manifest. Ideen und Geschichten für eine »Resonanzrevolution« (Hartmut Rosa)! Die Intelligenz der Praxis stimulieren! Den Alltag zum Ort, ja zum schönen Ort, für eine andere Haltung machen! Auf die Beziehungen kommt es an. Zwischen den Menschen und zu den Dingen. Eine andere Praxis. Schritt für Schritt. Und dabei den Blick zum Horizont. 

Vor allem genau hinsehen: »Die Lehrer versuchen, den letzten Stoff durchzuboxen«, sagt Lilly Blaudszun, eine Schülerin, die bei den Jusos bundesweit das Thema Bildung koordiniert. Und sie stellt fest: »Immerzu keine Zeit.« Zwei Jahre vor dem Abitur stünden die Themen fest. »Es geht gar nicht mehr um Inhalte. Die merkt man sich doch nur noch, um die Noten zu erreichen, die das System fordert.«

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